Unser Leitartikel:
Rückkehr in die Normalität der Ellenbogengesellschaft?
Im deutschen Fernsehen, in dessen ersten Reihen Abend für Abend viele Luxemburger sitzen, wird seit Tagen über die Rückkehr in die Normalität debattiert, und das kann ansteckend sein.
Unabhängig davon, dass das Virus nicht vor Grenzen halt macht, so dass Grenzschließungen eher eine Schikane denn eine wirksame Methode zur Virusbekämpfung sind, ist die Realität in Luxemburg eine andere als in Deutschland oder in einem der anderen zwei Nachbarländer, allein schon wegen der geografischen Größe, und weil hierzulande vieles überschaubarer ist.
Unabhängig davon stellen sich die Menschen natürlich viele Fragen darüber, wie es während der nächsten Wochen beziehungsweise Monate weitergehen kann und wann die Einschränkungen, die ihr Leben von einem Tag auf den anderen stark veränderten, teilweise oder ganz aufgehoben werden könnten, und wie es dann weitergehen wird. Umso mehr nicht abzusehen ist, wie schnell großartige Erfolge bei Therapien möglich sein werden und wann ein Impfstoff bereit stehen wird.
Aufgrund ihrer Kenntnisse und Erfahrungen dürften viele Menschen dazu bestimmte Ansichten haben, allerdings darf daran gezweifelt werden, ob überhaupt Interesse daran besteht, diese überhaupt zu nutzen.
Vieles deutet vielmehr darauf hin, dass von der großen Öffentlichkeit lediglich erwartet wird, sich in ihrem Schneckenhaus zu verkriechen und den Stufenplan über eine Rückkehr in die Normalität, den der Premierminister irgendwann verkünden wird, zur Kenntnis zu nehmen und anschließend eins zu eins umzusetzen.
Eine Debatte darüber, ob die harten Einschnitte überhaupt notwendig sind oder nicht weit genug gehen, die Notstandsverordnungen zu rechtfertigen und die Regierungsmaßnahmen sozial gerecht sind, ist nicht erwünscht.
Kritik grenzt schon fast an Landesverrat, und die Schere in den Köpfen sorgt dafür, dass Hinweise auf Ungerechtigkeiten und Forderungen, diese zu beseitigen, schon gar nicht mehr öffentlich gemacht werden, umso mehr, wenn diese Kritiken von der KPL kommen und ein direkter Zusammenhang zwischen diesen Ungerechtigkeiten und dem kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell hergestellt wird.
Bleibt die Frage, was mit »Rückkehr in die Normalität« gemeint ist – etwa nur die Wiedereröffnung der Schulen und Geschäfte, die Beseitigung der Begrenzung der Bewegungsfreiheit?
Rückkehr in die »Normalität« heißt aber auch Rückkehr in die Ellenbogengesellschaft, in eine Realität, in der es keine solidarischen Bemühungen gibt, um Armut, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot zu beseitigen, in der der Mangel an Ärzten und Krankenhauspersonal verwaltet, aber nicht behoben wird, in der Steuergeschenke für Konzerne da sind, aber nicht für dringende Umwelt- und Naturschutzmaßnahmen, und in der die Unternehmen und Banken die Arbeitskraft der Lohnabhängigen ausbeuten und den Mehrwert, der sich daraus ergibt, privatisieren dürfen.
Diese Realität wird gegenwärtig weitgehend von einer Welle von Solidaritätsbekundungen übertüncht. Die Beispiele solch wunderbarer Solidarität werden allerdings schnell in Vergessenheit geraten, wenn das hässliche Gesicht des real existierenden kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells wieder Oberhand gewinnen und als Normalität dargestellt wird.
Doch so wird es kommen, wenn die Schaffenden nicht umdenken und entsprechend handeln werden.
Ali Ruckert
Freitag 10. April 2020
