In Armut sterben

Griechenlands Gesundheitssystem erneut vor dem Kollaps. Regierungschef Mitsotakis greift zu Kriegsrhetorik

Das von der Austeritätspolitik der Europäischen Union im Zuge der Finanzkrise in den vergangenen zehn Jahren bereits nahezu zerstörte Gesundheitssystem Griechenlands droht im Kampf gegen das Coronavirus endgültig zu kollabieren. Am Dienstag waren landesweit 695 Infektionen amtlich bestätigt und 17 Menschen gestorben. Die rechtskonservative griechische Regierung verhängte inzwischen – wie die meisten EU-Staaten – eine allgemeine Ausgangssperre. Völlig abgeriegelt sind die wirtschaftlich weitgehend vom Tourismus abhängigen Inseln in der Ägäis und im Ionischen Meer sowie Kreta: Nur noch diejenigen, die dort ihren ersten Wohnsitz haben, dürfen anreisen. Den Nationalfeiertag – am 25. März 1821 begann der Unabhängigkeitskrieg gegen das Osmanische Reich – verbrachten die Griechen diesmal zu Hause. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis rief zum »Kampf gegen den neuen Feind«, das Coronavirus, auf.

Auch der griechische Regierungschef griff, wie seine Kollegen in anderen EU-Ländern, in der sich rasch über das Land ausbreitenden sanitären Krise zu Pathos und Kriegsrhetorik. Während es in den meisten öffentlichen Krankenhäusern und in den ländlichen Gesundheitszentren – den »Kentra Ygeias« – an Personal und Material fehlt, verkündete Mitsotakis bereits den »Sieg« über das Virus. »Die Pandemie wird uns Geld kosten«, erklärte er in einer von Rundfunk und Fernsehen übertragenen Ansprache, »aber sie wird die Griechen siegreich und reifer zurücklassen.« Die »neuen Führer des Widerstands« seien nun die Ärzte.

Mediziner in Griechenland wehren sich ebenso wie ihre Kollegen in Spanien oder Frankreich gegen die von militärischem Vokabular und Führerattitüde geprägten Auftritte ihrer Regierungschefs. Der Athener Ophtalmologe Christos Christoulakis mahnte am Mittwoch gegenüber der Tageszeitung »junge Welt« die Politiker, ihr Augenmerk »auf die Erhaltung und Finanzierung der noch vorhandenen Strukturen« zu richten. Sein französischer Kollege, der Allgemeinmediziner Baptiste Beaulieu, sagte am Dienstagabend in der Pariser Fernsehsendung »Quotidien«: »Wir sind nicht im Krieg, sondern in einer katastrophalen sanitären Situation. Wir brauchen keine Befehle, sondern Material und Personal.«

Die Griechenland vor allem von der Wirtschaftsmacht Deutschland aufgezwungene Austeritätspolitik führte nach Angaben von Eurostat zwischen 2009 und 2019 zur Halbierung der Ausgaben im griechischen Gesundheitssektor: von 16,2 Milliarden auf knapp acht Milliarden Euro. Ihr Anteil am Bruttosozialprodukt wurde von rund sieben auf weniger als fünf Prozent gesenkt – den niedrigsten Wert in der EU. Unter verschiedenen Regierungen – Sozialdemokraten, Rechtskonservativen und der von Brüssel kurzzeitig veranlaßten technokratischen Herrschaft des Bankiers Lukas Papadimos – wurden rund 13.000 Ärzte und mehr als 25.000 Angestellte des staatlichen Gesundheitsdienstes entlassen. 54 von 137 Krankenhäusern und 350 Polikliniken wurden geschlossen, das Budget der übrigen Hospitäler auf 40 Prozent des vorher verfügbaren Finanzvolumens gekürzt. Die Versorgung mit Medikamenten wurde drastisch erschwert oder ganz unterbunden.

Der griechische Jurist und Politologe Kostas Dimakopoulos aus Piräus erklärte jüngst auf seinem Internetportal, in Griechenland herrsche heute eine »Gesundheitsarmut«. »Viele Griechen gehen gar nicht mehr zum Arzt«, schreibt Dimakopoulos, »selbst wenn sie schwer krank sind. Ärzte behandeln nur auf Vorkasse und Apotheken geben Medikamente nur gegen Barzahlung aus. In den Krankenhäusern fehlt es oft an Personal, Geräten und Material, selbst Verbandszeug in den Operationsräumen ist manchmal Mangelware. Die Verschlechterung aller Indikatoren, von der Kindersterblichkeit bis zu der Suizidrate, sprechen für eine Gesundheitskatastrophe in einem entwickelten Land, das Mitglied der EU und der Eurozone ist.«

Nicht nur das. Schon zu Beginn der als »griechische Krise« bezeichneten kapitalistischen Unterwerfung Griechenlands verließen rund eine halbe Million an den Universitäten ausgebildete Studenten – darunter rund 18.000 medizinische Fachkräfte – ihre Heimat. Ärzte zog es nach Deutschland oder England. Kollegen, die im Land blieben, wechselten in den lukrativen und sozial abgesicherten privaten Sektor.

Hansgeorg Hermann

Hilfe aus China für das durch EU-Auflagen kaputtgesparte Gesundheitswesen: Chinas Botschafterin in Griechenland Zhang Qiyue übergibt am 21. März auf dem Flughafen von Athen eine Ladung mit medizinischer Ausrüstung an Gesundheitsminister Vassilis Kikilias (Foto: EPA-EFE/PANTELIS SAITAS)

Donnerstag 26. März 2020