Unser Leitartikel:
Aufmucken nicht gestattet

Seit November vergehen kaum zwei Wochen, ohne dass vom Arbeitsmarkt eine Hiobsbotschaft gemeldet wird. Dabei folgen die schlechten Nachrichten in immer kürzeren Abständen. Ob Kurzarbeit, Sozialpläne oder Entlassungen – Fakt ist, dass sich die Situation in den letzten drei Monaten dramatisch zugespitzt hat.

Worüber allerdings weniger gesprochen oder geschrieben wird, ist, dass sich praktisch im Gleichschritt »so ganz nebenbei« auch Arbeitsbedingungen und Arbeitsklima in zahlreichen Betrieben deutlich verschlechtert haben. So weht den Schaffenden am Arbeitsplatz ein von Tag zu Tag schärfer wehender Wind entgegen. Denn immer mehr Firmenleiter nutzen die Krise aus, um die Schraube weiter zuzudrehen. Dem Patronat wird zu Recht zunehmende Arroganz und Rücksichtslosigkeit vorgeworfen. In so manchem Betrieb scheint die Zeit jedenfalls um Jahrzehnte zurückgedreht. Es herrscht wieder die Mentalität: Herr ist Herr, und Max ist Max.

Beispiele, die dies belegen, gibt es zuhauf. Hier zwei Kostproben. Da wird ein Hilfsarbeiter angehalten, eine Lohnkürzung zu unterschreiben, nachdem er auf Anraten seines Arztes darum gebeten hatte, aus Gesundheitsgründen auf einen anderen Posten, womöglich ins Atelier versetzt zu werden. Was der gute Mann dann auch tat. Den Posten, den man ihm im Lagerraum angeboten hatte, übte er allerdings nur während 14 Tagen aus. Danach wurde er wieder damit beauftragt, im Freien schmutzige und staubige Arbeiten zu verrichten. Verdienen tut er heute jedoch 160 Euro im Monat weniger als zuvor. Sämtliche Proteste stießen bislang allerdings auf taube Ohren.

Auch einer Verkäuferin wird mächtig auf die Füße getreten. Ihr werden seit geraumer Zeit völlig flexible Arbeitszeiten aufgebrummt. Bis zu dreimal die Woche muss sie die Schichten wechseln. Diese dauern immer häufiger länger als acht Stunden. Überstunden werden ihr jedoch seit Jahresende nicht mehr vergütet. Auch für die drei Sonntage, an denen sie während des rezenten Schlussverkaufs arbeiten musste, wurden ihr keine Zuschüsse berechnet. Zuletzt wurde ihr der Lohn sogar mit zehn Tagen Verspätung ausbezahlt. Ihre, wenn auch nur zaghaften Beschwerden wurden schroff abgewiesen. Genauso wie der Hilfsarbeiter, so musste auch sie sich anhören, dass die Krise nicht nur die Schaffenden treffe, sondern auch die Firmen ... und dass sich Tausende von Arbeitsuchenden sicherlich darüber freuen würden, wenn sie ihren Job übernehmen könnten. Eine Drohung, die nicht zu überhören war.

Deshalb sehen viele immer häufiger davon ab, die Gewerkschaften über die zunehmenden Mißstände in den Betrieben in Kenntnis zu setzten. Die Probleme, die den Salariatsvertretern dennoch zugetragen werden, sind deshalb höchstens nur mehr als die berühmte Spitze eines Eisbergs zu betrachten.

Vielen Schaffenden wird derzeit das Messer auf die Brust gesetzt. Sie werden eingeschüchtert, ja regelrecht erpresst, Arbeitsbedingungen anzunehmen, die allen Vorschriften und Gesetzen trotzen. Wer aufmuckt, dem wird rücksichtslos mit dem Brotkorb gedroht. Entweder mit der Androhung, für Ersatz sei schnell gesorgt, oder Grenzgänger seien nicht so »pingelig«.

Je mehr sich die Krise in den nächsten Wochen und Monaten verschärfen wird, um größer wird die Gefahr, dass sich auch die Arbeitsbedingungen weiter verschlechtern werden. So dass die Leidtragenden der Finanz-, Wirtschafts- und Systemkrise wie üblich im Kapitalismus in erster Linie die Schaffenden sind.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Freitag 20. Februar 2009