Stahl hat Zukunft!

Interview mit Stephan Ahr, Vorsitzender des Betriebsrates der Saarstahl AG Völklingen Die »Saarstahler« marschieren beim »Walk of Steel« 350 Kilometer im Winter. Respekt. Wohin und mit welchem Ziel?

Nach Brüssel zur EU. Dort stehen Entscheidungen für die Zukunft der Stahlindustrie in der EU an. Und wir fordern Entscheidungen, die den sozial-ökologischen Umbau der Stahlindustrie möglich machen. Bisher tut sich dort nichts. Zumindest nichts im Interesse der Stahlarbeiter. Die Zeit drängt. Wir haben genug stillgelegte Hochöfen, die als Weltkulturerbe gepflegt werden. Es reicht. Wir wollen EU-Kommissar Timmermans, der verantwortlich ist für den »Green Deal«, deshalb unsere Forderungen für eine Zukunft der Stahlindustrie und ihrer Standorte überreichen.

Wieviele Kollegen haben bisher mitgemacht? Wie war die Resonanz und Solidarität?

Rund 50 Kolleginnen und Kollegen sind wechselnd in Etappen bei Wind und Wetter unterwegs. Beim Auftakt in Völklingen und unterwegs waren wir oft 200. Kolleginnen organisierten eine Etappe der Frauen. Überall ging der »Daumen hoch«. Solidarität gab es viel. Die Resonanz in den Medien war gigantisch. Öffentlichkeit und Politik wurden mit unserer Aktion sensibilisiert. Wir haben schon jetzt unser Ziel erreicht. Auf der Schlußetappe werden uns Kolleginnen und Kollegen von anderen Stahlstandorten begleiten und unterstützen.

Was steht auf dem Spiel, wenn in der Politik in Bezug auf diese Branche so weiter gewirtschaftet wird?

In der Stahlindustrie an der Saar arbeiten derzeit 14.000 Menschen. Mindestens weitere 22.000 Arbeitsplätze hängen davon ab! Es geht um über 500 qualifizierte Ausbildungsplätze: Industriemechaniker, Verfahrenstechnologen, Betriebstechniker und -elektroniker, Produktdesigner usw. In diesem Wirtschaftszweig werden jährlich 600 Millionen Euro Lohn und Entgelt bezahlt, im 1-Million-Einwohnerland Saarland eine Menge Kaufkraft. Es greifen jetzt schon Existenzängste um sich.

Brüssel ist eine Adresse. Wo siehst du die Aufgaben der Bundes- und der Landesregierung?

Wir fordern von der Bundesregierung eine langfristige, verläßliche Konzeption für eine zukunftsorientierte Industriepolitik. Wir fordern Entscheidungen pro Stahlindustrie. Wir fordern die entsprechende Unterstützung zum sozial-ökologischen Umbau. Die Kanzlerin hat mir auf einer CDU-Veranstaltung in Dillingen zugesagt, sich für unsere Anliegen einzusetzen. Bisher spüre ich nichts. Sie muß endlich zu ihrem Wort stehen.

Von der Landesregierung fordern wir mehr als nur Lippenbekenntnisse, sondern klare Forderungen an die Bundesregierung. Es muß endlich entschlossen und konsequent aufgetreten werden, damit die Arbeitsplätze hier an der Saar gesichert werden können. Es geht um den industriellen Kern des Landes. Statt Worte fordern wir mehr konkrete Taten!

Es geht letztlich um Investitionen, um Geld dafür. Wo sind aus deiner Sicht Quellen für die notwendigen Mittel zum Umbau?

Die BRD ist eines der reichsten Länder der Welt. Die Reichen werden reicher – die Schere geht immer weiter auseinander. Es geht um eine grundlegend andere Verteilung, in deren Mittelpunkt die Befriedigung der Bedürfnisse aller Mitglieder der Gesellschaft steht. Es geht um gleiche Lebensverhältnisse in allen Bundesländern. Dies muß sich gerade jetzt in einer entsprechenden Strukturpolitik im Bund und Land widerspiegeln.

Wer sollte entscheiden, wie die Mittel, wenn sie vorhanden sind, vor allem nachhaltig bei Saarstahl eingesetzt werden? Wie steht es konkret um die Möglichkeiten der Montanmitbestimmungsorgane?

Wir wollen für die SHS (Saarländische Stahlholding – Dillinger Hütte und Saarstahl) die volle Montanmitbestimmung. Derzeit ist die Geschäftsführung nicht an den Vorschlag des IG-Metall-Vorstandes zur personellen Besetzung z.B. des Arbeitsdirektors gebunden. Das hat konkrete Nachteile für uns, weil das Kräfteverhältnis in Entscheidungsgremien für uns schlechter ist. Wir fordern die komplette Montanmitbestimmung. Ich selbst finde auch, daß dem Komplex Montanmitbestimmung in der IG Metall wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muß. Wir sollten jede noch so kleine Möglichkeit nutzen, um Kräfteverhältnisse zugunsten der Beschäftigten zu verändern. Ich bin deshalb auch für die Ausweitung der Montanmitbestimmung.

Millionen, vor allem junger Menschen fordern weltweit energische Maßnahmen zur Bekämpfung der sich zuspitzenden ökologischen Krise wie Klimaveränderung usw. Siehst du den Kampf der Stahlarbeiter für ihre Zukunft auch in einem Zusammenhang damit?

Unbedingt. Wir stehen für Klimaschutz und ökologischen Wandel. Weltweit. Unter gleichen Bedingungen und Standards. Unser Beitrag wäre »sauberer Stahl«, der CO2-neutral hergestellt wird und Sicherung von Arbeitsplätzen in diesem Umbauprozeß. Dies ist der Kern des 14-Punkte-Forderungskataloges der IG Metall Völklingen.

Zum Kapitalismus gehören seine Wirtschaftskrisen, die Stahlkrise ist ein Teil davon. Faktoren sind dabei die Überproduktion, die sich immer verschärfende Konkurrenz, der damit verbundene ruinöse Preiskampf auf dem Weltmarkt. Wäre auf internationaler Ebene ein staatlich regulierter Stahlmarkt, der solidarischer und bedarfsorientierter verhandelt und organisiert wäre, eine Alternative im Interesse des notwendigen sozial-ökologischen Umbaus und auch der Beschäftigten?

Grundsätzlich halte ich einen solchen Ansatz für denkbar. Aber angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage ist es eine große Herausforderung, dies durchzusetzen. Wir sollten dies aber auf unserer Agenda haben.

Es gibt die Position in Deutschland und auch im Saarland, auch wegen des hohen Verbrauchs von »grünem Strom«, komplett auf die Stahlproduktion zu verzichten, weil nur so die Energiewende zu schaffen sei...

Energiewandel und die Erreichung der CO2-Ziele wird ohne Stahl nicht möglich sein. Das dürfte klar sein. Die entscheidende Frage aber ist, wo Stahl dafür in Zukunft mit welcher Ökobilanz produziert und eingekauft wird. Muß dabei die hoch entwickelte heimische Stahlindustrie mit Tausenden Arbeitsplätzen vor die Hunde gehen? Wir sagen nein!
Stahl hat Zukunft! Dies muß auch in unserem Land gelten. Dafür kämpfen wir weiter!

Das Gespräch führte
Artur Moses

Stephan Ahr (r.) zusammen mit OGBL-Präsidentin Nora Back und Patrick Freichel, Zentralsekretär des OGBL-Syndikats Metallverarbeitende Industrie, während der Solidaritätsversammlung im Café »Streik!« in Esch/Alzette (3.2.2020) (Foto: ZLV)

Mittwoch 12. Februar 2020