Lesen muß man das nicht

Zum Tod von Johannes Mario Simmel

Johannes Mario Simmel ist am Neujahrstag im Alter von 84 Jahren gestorben. »In seiner Altersresidenz«, sagt sein Anwalt Bruno Bitzi. Die Stadt Zug spricht dagegen von einer »Privatklinik in Luzern«. Nach allem, was die Nachrufe hergeben, hatte Simmel deutlich mehr Widersprüche zu bewältigen, als seine Bestseller vermuten lassen. 75 Millionen Romane hat er verkauft. Heute liest das Zeug keiner mehr. Geboren wurde Simmel am 7. April 1924 in Wien als Sohn eines jüdischen Chemikers. Etwa die Hälfte seiner Verwandtschaft wurde in Konzentrationslagern ermordet. Ab 1945 dolmetschte er für die US-Militärregierung in Österreich. In den 50ern stieg er bei der Quick zum bestbezahlten Reporter der Nachkriegs-BRD auf.

1960 räumte er mit einem Agenten-Klamauk, der in der Nazizeit spielt, den Buchmarkt ab: »Es muß nicht immer Kaviar sein«. Der Erfolg stieg ihm zu Kopf, wie man so sagt. Er verließ seine erste Frau Lulu, die »von Billy Wilder defloriert« worden war, wie er mal stolz bekannt gab. Die 70er verbrachte er mit viel Sex und Drogen unter dem Jetset von Monte Carlo »in unmäßigem, fast krankhaftem Luxus«.

Die Nachrichtenagentur AP aber weiß zu berichten: »Simmel machte nie ein Hehl daraus, daß er politisch links stand und ein sozialistisches Gesellschaftssystem befürworten würde – wobei er sich ausdrücklich vom DDR-System distanzierte. Seine Hoffnung auf eine gerechte, eine soziale Welt habe sich nicht erfüllt, sagte er einmal. Die Utopie habe er aber immer noch.«

1983 kehrte er zu Lulu zurück, die zwei Jahre später starb. Er vereinsamte zusehends. 1996 führte er einen Rechtsstreit mit Jörg Haider, dem er «skrupellose und mörderische Hetze» gegen Ausländer vorwarf. Es muß dann eine lange Zeit der Todessehnsucht angefangen haben. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung jedenfalls erinnerte sich Volker Weidermann an einen Besuch in Simmels Haus in Zug im Sommer 2007: »In der Schreibmaschine an seinem Arbeitsplatz war nicht mal mehr ein Farbband. Er hatte keine Hoffnung mehr. Nicht für sich, nicht für die Welt. »Wir gehören weg«, hat er gesagt. Und daß die Menschen »ein entsetzlicher Irrläufer der Geschichte« seien.«

jW

Dienstag 6. Januar 2009