Zehn Jahre Euthanasiegesetz:

Breite Zustimmung, zu wenig Information

Am 16. März 2009 wurde das Euthanasiegesetz gestimmt, im Herbst 2019 befragte TNS-Ilres gut 1.000 Einwohner über 16 telefonisch oder via Internet und am Montag präsentierte die Nationale Kommission zur Kontrolle und Evaluierung des Euthanasiegesetzes die als Auftraggeberin die Ergebnisse. Bis Ende 2018 wurden nur 71 Euthanasiefälle gezählt, wobei nur zwei unter 60 Jahre alt waren. Bis auf zwei degenerative Nervenerkrankungen waren es Krebserkrankungen im letzten Stadium und in keinem Fall fand die Kommission etwas zu beanstanden.

Sonderbar ist allerdings die geringe Zahl mit nur 0,27 Prozent der Sterbefälle, während es in Belgien zwei bis drei und in den Niederlanden fünf bis sechs Prozent sind. Es darf vermutet werden, daß in Luxemburg viele »terminale Sedierungen« nicht deklarierte Euthanasiefälle sind. Eine Vermutung, die durch die Tatsache erhärtet wird, daß fast alle Euthana sien zu Hause stattfanden, und es in den meisten Spitälern gar keine gibt.

Beklagt wurde gestern von Kommissionspräsidentin Lotty Prussen ein Informationsmangel, zu dessen Behebung die Einführung einer medizinisch-ethischen Konsultation beim Arzt helfen könnte. Die Kommission unterstützt die Empfehlung, in allen Kliniken und Altersheimen den Zugang zu einem Arzt zu ermöglichen, der bereit ist, Euthanasie zu praktizieren. Auch dort müsse es möglich werden, daß der freie Wille eines unheilbar Kranken respektiert wird. Die Forderung wird in der Umfrage von 72 Prozent unterstützt.

Betont wurde, daß Euthanasie einem normalen Tod gleichzusetzen ist, wobei dazu ein Gesetzesprojekt auf dem Weg sei, um alle Unklarheiten zu beseitigen. Eine Lebensversicherung kann daher auch die Auszahlung nicht verweigern, was sie aber bei Suizid im ersten Jahr nach dem Abschluß darf. Es ist das Recht anzuerkennen, seinem Leiden ein Ende zu setzen, wobei hohes Alter allein kein gesetzlich anerkannter Grund für Euthanasie ist.

Gute Sache für 85%

Vorauszuschicken ist, daß die Umfrage zu einem Zeitpunkt durchgeführt wurde, nachdem in allen Medien breit über zehn Jahre Euthanasiegesetz berichtet worden war. Die hohe Akzeptanz des Gesetzes ist zu begrüßen, wobei nicht vergessen werden darf, daß 1999 schon 79% und 2008 78% in einer Umfrage sagten, Luxemburg sollte so ein Gesetz bekommen. In der aktuellen Umfrage sagen nun 85%, das Gesetz sei eine gute Sache und nur 5% finden, es sei schlecht. Dabei sind nur 22% dieser 5% aus religiösen Gründen dagegen, was bemerkenswert ist.

Die hohe Zustimmung gibt es, obwohl sich nur 36% gut oder ausreichend über das Gesetz informiert fühlen. Das zeigt sich in der Frage, wie viele Fälle es bisher pro Jahr gab. Nur 38% kreuzten mit ein bis 15 Fälle im Jahr die richtige Kategorie an, während 25% auf 16 bis 30, 6% auf 31 bis 45 und jeweils 4% auf 45 bis 60 und auf über 60 Fälle im Jahr tippten. 24% waren so ehrlich zu sagen, sie wüßten es nicht. Dabei betonte Tommy Klein von TNS-Ilres, es hätte die Einschätzung ob sich wer als gut oder genug informiert ansieht, keinen Einfluß gehabt auf die richtige oder falsche Zahl der Fälle, die er schätzt.

Folge ungenügender Information ist auch, daß 61% meinen, Euthanasie sei bei unheilbarer Krankheit, wenn ein schneller Tod droht, erlaubt, ein Wert der bei psychischem Leid leicht auf 57% sinkt, aber wenn nur eine unheilbare Krankheit vorhanden ist auf 26% fällt. Das obwohl dies die drei Fälle sind, die das Gesetz vorsieht. 13% geben zu, die Bedingungen des Gesetzes nicht zu kennen, während 8% der irrigen Meinung sind, ein einfacher Antrag reiche. 3% meinen, einen Depression sei ein Grund für Euthanasie, was natürlich falsch ist. Der Psychologe Dr. Paul Rauchs betonte, das sei völlig richtig so, denn Leute, die wegen einer geistigen Erkrankung nicht zu einer freien Willensentscheidung fähig sind, müßten ausgeschlossen bleiben.

Angesichts der nur 71 Euthanasien in zehn Jahren ist es eine große Überraschung, daß 7% angeben, jemanden zu kennen, der so aus dem Leben trat. Das soll zu 27% im nahen Familienumfeld gewesen sein, zu 9% im weiteren Familienumfeld, zu 28% bei Freunden, zu 25% bei Bekannten und zu 9% bei Kollegen. Da muß anderes hineinspielen, denn diese Zahlen sind viel zu hoch. Nur 11% meinen, es werde Mißbrauch getrieben. 58% sind sich sicher, daß das nicht der Fall ist, während 32% dazu keine Meinung haben. 13% wollen einen Fall gekannt haben, wo Euthanasie verweigert wurde, 15% sagen, ihnen sei therapeutischer Übereifer bekannt.
Der Tod, ein Tabuthema?

Der Tod ist ein Thema, das Ältere mehr interessiert. Für ein Tabuthema kommen aber generell hohe Anteile bei der Angabe heraus, wie oft darüber geredet wird. 44% geben an, regelmäßig über den Tod im allgemeinen zu reden, 20% tun das nie. 50% reden über den Tod Nahestehender, 15% nie. 34% reden über den eigenen Tod, 28% nicht. Über den Tod geredet wird vor allem in der Familie: 64% tun das, 36% nicht. Mit Bekannten reden darüber noch 51%. Aber mit dem Arzt reden darüber nur 16%. Das, obwohl 78% einen Arzttermin um darüber zu reden gut fänden, und 79% es für wichtig halten, Zugang zu einem Arzt zu haben, der im Fall der Fälle bereit ist, Euthanasie zu praktizieren.

Ob die neue Gesundheitsministerin die Empfehlungen der Kommission, die im Keller ihres Ministeriums tagt, stärker aufnehmen wird als der abtretende Minister und dessen Vorgängerin, wird sich zeigen.

jmj

Montag 20. Januar 2020