»Administrativer Streik« gegen Krankenhauskrise
Ärzte-Protest in Frankreich gegen Mangel an Personal und Mitteln
In einem Offenen Brief an die Gesundheitsministerin haben 1.200 Stations-, Ober- und Chefärzte am Dienstag erklärt, daß sie aus Protest gegen die »Krise der Krankenhäuser« ihre administrativen Funktionen niederlegen. Sie werden natürlich weiter ihre Patienten behandeln, aber bis auf weiteres keine Verwaltungsaufgaben ausführen. So wollen die Ärzte Verhandlungen mit Gesundheitsministerin Agnès Buzyn und Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Lage erzwingen.
In dem Offenen Brief, der inzwischen per Internet auch von weiteren 5.000 Ärzten aus dem ganzen Land unterzeichnet wurde, wird angeprangert, daß es den Krankenhäusern an Geld und Personal fehlt, daß dadurch die Arbeitsbedingungen oft unerträglich sind und daß dies die Qualität der Behandlung ernsthaft gefährden kann. »Das ist ein ungewöhnlicher und extremer Schritt«, sagte Professor Xavier Mariette, Chef der Abteilung Rheumatologie am Pariser Krankenhaus Bicêtre, auf einer Pressekonferenz der Initiatoren der Aktion. »Wir gehen ihn mit tiefem Bedauern, aber wir wissen uns keinen anderen Rat mehr, um das öffentliche Krankenhaus zu retten.«
Sein Kollege Francis Beerenmaum vom Pariser Krankenhaus Saint-Antoine ergänzt: »Wir wollen nichts für uns, sondern wir setzen uns für die Krankenschwestern, die Hilfsschwestern und alle anderen medizinischen Beschäftigten ein. Ihre Gehälter müssen unbedingt spürbar erhöht werden, sonst verlassen sie uns.« In Nordfrankreich haben schon viele Krankenschwestern gekündigt, um täglich ein paar Kilometer über die Grenze nach Belgien zu fahren. Dort verdienen sie 30 Prozent mehr Geld und die Arbeitsbedingungen sind viel besser, weil mehr Personal vorhanden ist.
Professor Olivier Brissaud, Chef der Pediatrischen Abteilung des Universitätskrankenhauses Bordeaux, wendet sich scharf dagegen, daß die Krankenhäuser vom Staat wie Wirtschaftsunternehmen behandelt werden. Durch ein völlig lebensfremdes System der Honorierung pro Intervention würden die Krankenhausabteilungen de facto gedrängt, »rentable« Behandlungen den »unrentablen« vorzuziehen. »Ein Kind, das mit einer akuten schweren Krankheit auf unserer Notstation behandelt wird, kostet naturgemäß viel Geld. Aber wir können es doch nicht abweisen, weil es nicht rentabel ist. Gesundheit hat nun mal ihren Preis«, sagt Brissaud.
In eklatantem Widerspruch zur Lage in den Krankenhäusern wird von denen seit Jahren verlangt, um jeden Preis Kosten einzusparen, im laufenden Jahr beispielsweise 800 Millionen Euro. Das wird in dem Offenen Brief der Ärzte an die Gesundheitsministerin scharf kritisiert. Sie fordern auch ein »Ende des Diktats der Administration« und eine gemeinsame und gleichberechtigte Leitung der Krankenhäuser durch die Verwaltungsdirektoren und die Mediziner.
Martin Hirsch, der Generaldirektor der Vereinigung der Pariser Krankenhäuser AP-HP, kann die Haltung der Ärzte »gut verstehen«. In einem Rundfunkinterview räumt ein, daß die französischen Krankenhäuser immer noch wie im 20. Jahrhundert verwaltet werden und daß sie im Vergleich zu anderen europäischen Ländern schlecht abschneiden. Eine gründliche Reform sei dringend nötig. Gleichzeitig verweist Hirsch darauf, daß Gesundheitsministerin Agnès Buzyn aufgrund der Alarmsignale von Krankenhausärzten aus dem ganzen Land im vergangenen November beim Wirtschafts- und Finanzministerium durchgesetzt hat, daß der Staat ein Drittel der Schulden der Krankenhäuser – 800 Millionen von 2,4 Milliarden Euro – übernimmt und zusätzliche 300 Millionen Euro für den Gesundheitshaushalt 2020 bereitstellt. Durch die Schuldenentlastung sparen die Krankenhäuser Zinszahlungen in vielfacher Millionenhöhe ein, was dem laufenden Budget zugute komme. »Aber es braucht seine Zeit, bis sich das praktisch auswirkt«, mahnt Hirsch zu etwas Geduld.
Ralf Klingsieck, Paris
»HOPITAL URGENCE VITALE« – Mitglieder des »Collectif Inter-Hôpitaux« am 14. Januar bei einer Protestaktion im Krankenhaus Pitie-Salpetriere in Paris zur Unterstützung des »Administrativen Streiks« der leitenden Ärzte (Foto: Thomas SAMSON/AFP)
Donnerstag 16. Januar 2020
