Beifall von ganz rechts

Frankreichs Staatschef Macron geht auf Tuchfühlung mit Le-Pen-Wählern. »Wer soll sonst mit denen reden?«

Ein Interview, das Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron in der vergangenen Woche der als »rechtsextrem« eingestuften Wochenzeitschrift »Valeurs actuelles« gab, sorgt für anhaltende Verwirrung in seiner Partei »La République en Marche« (LREM). Am Samstag ließ der Präsident schließlich erklären, es sei »sein erklärter Wille, mit allen Franzosen zu reden – wer sollte es sonst machen?« In einer repräsentativen Meinungsumfrage zeigte am Montag das renommierte Forschungsinstitut IFOP allerdings, worum es Macron wirklich geht: Ehemalige Anhänger aus dem linken politischen Lager hat der Mann im Élysée-Palast mit seiner neoliberalen Politik längst verprellt. Will er in zweieinhalb Jahren wiedergewählt werden, braucht er die Stimmen und den Beifall von ganz rechts.

Warum Macron sich zu Themen wie Immigration und französischem Islam ausgerechnet in einem Journal erklären wollte, das zahlreiche Abgeordnete seiner LREM-Fraktion in der Nationalversammlung als »extrem rechts« qualifizierten und das nach Meinung des Generalsekretärs der Französischen Kommunistischen Partei, Ian Brossat, vor allem »spezialisiert ist auf antimuslimischen Haß«, blieb zunächst sein Geheimnis.
Aus dem Élysée hieß es von Macrons Pressesprechern, der Staatschef wolle »zu allen Franzosen sprechen, auch in politischen Räumen, die nicht unbedingt die eigenen sind«. Nicht der Inhalt des Interviews, sondern »das Medium ist hier die Botschaft«, zitierte das auflagenstarke französisch-schweizerische Anzeigenblatt »20 minutes« den kanadischen Soziologen Marshall McLuhan und nahm damit das Ergebnis der IFOP-Umfrage vorweg: Macron wolle nicht nur »seine rechtskonservative Wählerschaft konsolidieren«, sondern auch bei den Faschisten der Marine Le Pen Boden gutmachen.

Von Macrons Wahlspruch »weder links noch rechts«, der ihm im Mai 2017 den Sieg eintrug, ist nichts mehr übrig. Schon die EU-Wahl im Mai 2019 zeigte, daß die Präsidentenpartei LREM sich in der Rolle der Rechtskonservativen eingerichtet und wegen Macrons »Reformpolitik« einen Teil seiner zu Beginn überwiegend sozialdemokratischen Wählerschaft an Le Pen und ihr »Rassemblement National« (RN) verloren hat. Nicht mehr der Parti Socialiste (PS) oder »Les Républicains« (LR) des früheren Präsidenten Nicolas Sarkozy seien daher der künftige Gegner, erklärte der Élysée den Ausflug des Chefs in die Redaktion des Rechtsblattes »Valeurs actuelles«, sondern Le Pen.

Deren Faschisten versuchen seit November 2018, dem Beginn der landesweiten Demonstrationen der »Gelbwesten« gegen Macrons »Reformen«, sich an die nach wie vor aktive Protestbewegung anzukoppeln. Die IFOP-Umfrage vom Wochenbeginn zeigt, daß sich bei einer Präsidentschaftswahl nach heutigem Stand der Staatschef und die RN-Führerin ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern würden. Bei einem ersten Wahlgang kämen Macron und Le Pen auf jeweils 28 Prozent, den selbsternannten Wortführer der Linken, Jean-Luc Mélenchon, mit elf bis dreizehn Prozent weit hinter sich lassend. Unbedeutend sind in diesem Szenario der PS und sein neuer Vormann Olivier Faure mit 2,5 Prozent, die Ökologen und ihr Kandidat Yannick Jadot mit 7,5 Prozent und die Kandidaten der bürgerlichen Rechten – François Baroin, Válerie Pécresse, Xavier Bertrand – mit jeweils sieben bis elf Prozent. Eine Vermutung bleibe, bedauern die IFOP-Demoskopen, daß Macron seine Gegnerin Le Pen mit geschätzten 55 Prozent im zweiten Wahlgang abhängen werde.

Hansgeorg Hermann,
Paris

Emmanuel Macron empfing Marine Le Pen am 6. Februar 2019 im Élysée zu einer Besprechung über seine Pläne zur Eindämmung der landesweiten Demonstrationen der »Gelbwesten« gegen Macrons »Reformen«
(Foto: EPA-EFE/PHILIPPE WOJAZER/POOL)

Freitag 8. November 2019