Das Megachip-Rennen

In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts fand ein technologisches Wettrennen statt. Die Mikroelektronik stand im Mittelpunkt, und es ging darum, wer am schnellsten die kleinsten Speicherchips produzieren konnte. In Westdeutschland gab es einen prominenten Akteur, die Siemens AG, die als Produzentin von Telefonen und Schaltanlagen für den Telefonbetreiber, die staatliche Bundespost, ein Monopol hatte, damit sehr gute Gewinne machte und nebenbei mit dem Bau von Atomkraftwerken satt verdiente. Siemens baute auch Groß- und Kleincomputer, ähnlich wie der Weltmarktführer auf diesem Gebiet, die US-amerikanische Firma IBM (International Business Machines), die in dieser Zeit viele Jahre lang unangefochten das an der Börse bei weitem teuerste Unternehmen war.

Die Zeitungen stellten das in jener Zeit als ungeheuren Wettstreit zwischen Westdeutschland (Siemens), USA (IBM) und Japan (Toshiba) darüber dar, den ersten Ein-Megabit-Speicherchip zu produzieren. Nur wer in der Lage sei, diese Chips massenhaft herzustellen, könne im internationalen Wettbewerb mithalten, wurde eifrig analysiert. Nur der könne den technologischen Fortschritt für sich nutzen. Alle anderen würden endgültig zurückbleiben.

Richtig daran ist, daß die Kapitalisten, denen ein Produktivitätsfortschritt vor den anderen gelang, eine Weile lang einen Extraprofit einfahren, weil sie Monopolpreise für ein neues Produkt nehmen können und/oder billiger hergestellte alte Produkte zu alten Preisen verkaufen können. Die Aussicht auf diesen Extraprofit trieb auch damals die Konzerne in den Megachip-Wettlauf. Zugleich wurde von Politikern, professionellen Ökonomen und Journalisten mit Verve die These vertreten, die Entwicklung der jeweiligen Volkswirtschaft hänge vom Ausgang des Wettrennens ab. Derartige Theorien werden deshalb gern erzählt, weil sie geeignet sind, staatliche Subventionen für solche Projekte zu rechtfertigen.

1984 hatte IBM den Megabit-Chip entwickelt und begann dessen Massenproduktion zwei Jahre später. Anfang 1987 startete auch Siemens, allerdings mit Know-how von Toshiba, die Fertigung von Megabit-Chips in einer neuen Fabrik in Regensburg, die natürlich staatlich gefördert worden war. Das Rennen hatte IBM also gewonnen. Noch schneller waren Toshiba und andere japanische Konzerne, die damals ob ihrer rasanten Entwicklung der Schrecken der Kapitalisten der restlichen Welt waren, diese aber offensichtlich gern gegen gutes Geld an dem erzielten Fortschritt teilhaben ließen.

Und das Ergebnis? Japan geriet Ende 1989 in eine Finanz- und Wirtschaftskrise, von der das Land sich bis heute nicht erholt hat. IBM spielt an der Börse nur noch in der zweiten Liga. Siemens hat sich vom Computer-, Telefon- und Atomkraftwerkgeschäft getrennt. Die Theorie vom alles entscheidenden technologischen Wettlauf wird heute als Kampf der EU mit den USA und China aufgewärmt. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt vielmehr: Bei der Auseinandersetzung der imperial kapitalistischen Nationen ist nicht der technologische Vorsprung entscheidend. Dieser ist vielmehr Resultat schneller (und gut koordinierter) kapitalistischer Entwicklung.

Lucas Zeise

Donnerstag 10. Oktober 2019