Französische Fahrradboten streiken gegen Deliveroo

Firma will an Scheinselbständigen noch mehr verdienen

Sie sind das Symbol der Prekarität auf dem Arbeitsmarkt, aber sie beginnen sich zu wehren: Die Fahrradboten der Startup-Firma Deliveroo sind in einen Streik getreten, der schon seit Anfang des Monat anhält. Sie wehren sich gegen die Entscheidung des Unternehmens, die Tarife zu kürzen und vor allem das Minimum von 4,70 Euro für eine Fahrt abzuschaffen.

»Wir müssen immer mehr fahren und verdienen dabei trotzdem viel weniger als früher, und zudem wird die Konkurrenz immer schärfer«, meint Serge I. am Rande einer Demonstration streikender Fahrradboten auf dem Pariser Platz der Republik. Er und seine Kollegen betonen, daß ihre Einkünfte durch die Neuregelung der Tarife von Deliveroo um 30-50 Prozent eingebrochen sind. Hervé M., der sich extra einen gebrauchten Motorroller gekauft hat, um so viele Touren wie möglich zu machen, rechnet vor: »Früher habe ich brutto 2.500-3.000 Euro im Monat verdient, heute sind es bestenfalls 1.500 Euro, also eine glatte Halbierung der Einnahmen.«

Alle Boten sind ihrem Status nach »Autoentrepreneur« und müssen somit sämtliche Kosten selbst decken, alle Sozialabgaben allein abführen und Unternehmenssteuern zahlen. Daß immer mehr Jugendliche, die keine andere Chance zum Berufseinstieg sehen, eine Tätigkeit als Fahrradbote als Ausweg sehen und sich anmelden, hat wohl Deliveroo veranlaßt, dieses Überangebot zu nutzen, um die Tarife für die Boten zu drücken und so noch mehr an ihnen zu verdienen.

Offiziell heißt es in einem Kommuniqué von Deliveroo: »Durch die Veränderung der Tarifbedingungen wird besser der Zeitaufwand widergespiegelt, den der Bote für die Ausführung seines Auftrags benötigt.« Dahinter steht das Streben des Unternehmens, die Belieferung der Kunden um jeden Preis und auf dem Rücken der Boten zu beschleunigen. Die streikenden Fahrradboten wehren sich, indem sie die Restaurants, die mit Deliveroo zusammenarbeiten, und die Kunden, die sich so mit tischfertigen Speisen beliefern lassen, zum Boykott der Firma aufrufen.

Jérôme Pimot, Sprecher des Pariser »Collectif des livreurs autonomes de Paris« (CLAP) sagt: »Wir wollen Druck auf den Umsatz und damit die Gewinne von Deliveroo ausüben, denn das ist die einzige Sprache, die diese Leute verstehen. So wollen wir faire Verhandlungen über das zukünftige Verhältnis mit ihnen erzwingen.« CLAP ist aus den Reihen der Boten heraus entstanden, weil die traditionellen Gewerkschaften – mit Ausnahme der CGT-Gewerkschaft Gastronomie und Hotellerie, wo es auch viele »Autoentrepreneurs« gibt – wenig mit diesen neuen Formen der Arbeit anzufangen wissen, wo die Beschäftigten extrem versprengt sind und auch untereinander immer nur kurz und flüchtig miteinander in Kontakt kommen.

»Wir setzen viel auf die sozialen Medien, denn die Boten sind alle pausenlos im Internet und da tauschen wir uns aus, stimmen uns ab und organisieren unsere Aktionen«, erläutert Daniel Zemor, der CLAP-Vorsitzende, der selbst schon lange mit dem Marktführer Deliveroo gebrochen hat und lieber für dessen kleinere Konkurrenten Uber Eats und Stuart fährt.

Trotz des Streiks hält Deliveroo vorläufig noch an seinen Tarifänderungen fest und will offensichtlich nicht vor dem Druck der Straße einknicken. Doch die Kampfaktion, die zunächst auf Paris beschränkt war, wo Deliveroo und vergleichbare Expreßlieferfirmen besonders verbreitet sind, hat sich bereits auf Städte wie Lyon, Toulouse, Bordeaux, Nizza, Tours, Nantes und Besançon ausgedehnt. Dabei wird nicht zuletzt das ganze Geschäftsmodell, bei dem Internetunternehmen ausschließlich auf selbständige »Autoentrepreneurs« zurückgreifen, infrage gestellt.

In Spanien haben Gerichte bereits solche Unternehmen verurteilt, scheinselbständige Boten, die in Wirklichkeit ausschließlich auf einen Auftraggeber angewiesen sind und von ihm seine Weisungen bekommen, künftig wie einen fest angestellten Mitarbeiter zu entlohnen, für ihn Sozialabgaben abzuführen und ihm auch soziale Vergünstigungen wie bezahlten Urlaub zu gewähren. In Frankreich hat erst ein einzelner Fahrradbote mit seinem Anwalt ein vergleichbares Gerichtsurteil durchgekämpft, doch auch das ist noch nicht wirksam, weil die Gegenseite Berufung eingelegt hat.

Von der Regierung haben die streikenden Fahrradboten kaum Unterstützung zu erwarten. Im Sinne der gegenwärtigen Reformen, die durchweg auf mehr »Liberalisierung« in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt zielen, sieht das »Mobilitäts«-Gesetz, das kürzlich vom Parlament verabschiedet wurde, lediglich eine »Sozial-Charta« vor, in der sich solche Internetfirmen freiwillig zu bestimmten Mindestnormen verpflichten sollen. Doch angesichts der gegenwärtigen Kampfaktionen sind selbst einige Abgeordnete der Regierungs-Bewegung En marche nachdenklich geworden. Sie sehen ein, daß dieser Passus im Gesetz wohl zu nachgiebig ausgefallen ist, daß mehr gesetzlicher Druck nötig ist und daß das Gesetz in diesem Sinne »nachgebessert« werden sollte. Es bleibt abzuwarten, ob sie sich innerhalb des Regierungslagers Gehör verschaffen können.

Ralf Klingsieck, Paris

Protestaktion der Deliveroo-Fahrer am 7. August in Paris (Foto: EPA-EFE/Christophe Petit Tesson)

Dienstag 13. August 2019