Nationalheld vor Gericht

In Bagdad beginnt heute der Prozeß gegen den Journalisten Muntader Al-Saidi

»Dieses ist der Abschiedskuß der Iraker, du Hund!« Mit diesem wenig schmeichelhaften Gruß warf der irakische Journalist Muntader Al-Saidi (30) am 14. Dezember vergangenen Jahres beherzt seinen ersten Schuh auf USA-Präsident George W. Bush, dem es in einer raschen Reaktion gelang, sich hinter dem Rednerpult wegzuducken. »Und dies ist für die Witwen und Waisen und alle die im Irak ermordet wurden«, rief der aufgebrachte Journalist weiter und warf seinen zweiten Schuh gleich hinterher. Der Präsident blieb unverletzt, doch seine Abschieds-pressekonferenz in Bagdad hatte sich Bush wohl anders vorgestellt. Als »Hund« bezeichnet und auch von Schuhsohlen attackiert zu werden, gilt in der arabischen Kultur als schwerste Beleidigung.

Al-Saidi wurde von einem Kollegen zu Boden gerissen, Sicherheitskräfte warfen sich über den Mann und schleppten ihn unter Schlägen und Tritten aus dem Saal. Dana Perino, Sprecherin des Weißen Hauses, trug ein blaues Auge davon, als im Handgemenge ein Mikrophonständer in ihr Gesicht schlug. Mun- tader Al-Saidi, ein zumindest im westlichen Ausland zuvor völlig Unbekannter, erreichte in nur wenigen Minuten Weltruhm. Die Bilder der auf Bush fliegenden Schuhe gingen um die Welt und wurden so oft im Fernsehen und Internet gezeigt, daß die USA-Botschaft in Kairo sich an den ägyptischen Kultus- und Informationsminister wandte und die Schließung des Fernsehsenders Al Baghdadia forderte, für den Al-Saidi seit September 2005 mit großem Engagement aus dem Irak berichtet hatte.

Für das arabische Publikum des Senders war der junge Journalist und Chronist menschlichen Leids im Irak kein Unbekannter. Im britischen »Guardian« schrieb der im Exil lebende Iraker Sami Ramadani über Al-Saidi: »Er folgte nicht nur der tödlichen und zerstörerischen Spur der Apache-Hubschrauber, er gehörte auch zu den Ersten, die über religiöse Grausamkeiten und Anschläge auf Marktplätzen berichtete. Er ließ zuerst die Opfer sprechen.«

Zweimal war Al-Saidi in US-Militärgefangenschaft, und seine Wohnung in der historischen Raschid-Straße im Zentrum von Bagdad wurde vom US-Militär durchsucht, wobei die Soldaten außer arabischen und englischen Büchern über Religion und Politik und einem Bild von Che Guevara kein »belastendes Material« fanden. Im November 2007 war Al-Saidi von Unbekannten entführt worden, als er auf dem Weg zur Arbeit war. Seine Freilassung drei Tage später sei »wie ein Wunder« gewesen, sagte der Journalist.

Muntader Al-Saidi stammt aus Sadr City, einem der ärmsten Viertel von Bagdad, in dem vor allem die Nachfahren zugewanderter Schiiten aus dem Südirak leben. Zu Zeiten von Saddam Hussein wurde seine Familie verfolgt... »Wie jeder in unserer Familie haßte er die Besatzung«, sagte sein jüngerer Bruder Durgham (32). »Seiner Meinung nach war Bush für die Zerstörung des Irak und die vielen Toten verantwortlich.«

Während Regierungsvertreter sich bei Bush entschuldigten und den Schuhwurf als »Schande« bezeichneten, wurde Muntader Al-Saidi bei Schiiten und Sunniten glei-chermaßen zur »Ikone des Widerstandes gegen die Besatzung«. In Tikrit wurde eine drei Meter hohe Schuh-Skulptur zu Ehren des »Schuhwerfers von Bagdad« aufgestellt, die auf Anordnung der Behörden allerdings schnell wieder entfernt wurde. Der Schuhwurf als Protestform hat sich seither internationalisiert. Ob bei Demonstrationen gegen den Gazakrieg, bei der Rede des israelischen Botschafters in Schweden oder des chinesischen Regierungschefs Wen Jiabao, Schuhe flogen überall in der Welt.

Am heutigen Donnerstag wird Muntader Al-Saidi in der »Grünen Zone« von Bagdad vor dem Zentralen Gerichtshof, zuständig für terroristische Straftaten, der Prozeß gemacht. Bis zu 15 Jahre Haft drohen dem Journalisten, weil er laut Anklage »ein ausländisches Staatsoberhaupt angegriffen« habe. Ob die Schläge und Verletzungen, die man ihm in den ersten Tagen seiner Haft zufügte, auch zur Sprache kommen werden, bleibt abzuwarten. Sein Verteidigerteam plädiert auf Freispruch, sagte der Anwalt Dhiya al-Saadi. »Er hat nur gegen die Besatzung protestiert« und Schuhe seien »keine tödliche Waffe«. Ein Kollege des Journalisten, der nicht genannt werden wollte sagte: »Er verdient es nicht, verurteilt zu werden, er dürfte gar nicht vor Gericht kommen.«

Karin Leukefeld

Donnerstag 19. Februar 2009