Unser Leitartikel:
15 Prozent weniger Rente könnten zur Regel werden

Sechseinhalb Jahre nach Inkrafttreten der Rentenreform – drei Jahre länger arbeiten oder 15 Prozent weniger Rente – steht diese nach wie vor in krassem Widerspruch zur Realität »um Terrain«.

Wer nämlich genau hinter die Betriebsfassaden schaut, dem fällt unschwer auf, dass »ältere« Mitarbeiter von Tag zu Tag auf größere Probleme stoßen. Die Hürden, die ihnen in den Weg gestellt werden, werden immer unüberwindbarer. Immer häufiger werden sie deswegen schon mit 50 zum alten Eisen gezählt, ausrangiert, aufs Abstellgleis manövriert. In manchen Fällen sogar schon mit 40.

Werden Posten in einem Betrieb abgebaut, so stehen meistens ältere Mitarbeiter oder Arbeiter mit Gesundheitsproblemen ganz oben auf den Streichlisten. Verlieren sie ihren Arbeitsplatz, so riskieren sie, rücksichtslos in die Langzeitarbeitslosigkeit gedrängt zu werden. Denn für die meisten gibt es praktisch kein Zurück mehr ins aktive Arbeitsleben, wie es die allmonatlichen Statistiken der ADEM in aller Deutlichkeit zeigen.

Auch wenn Patronat und Politik es bei jeder sich bietenden Gelegenheit abzustreiten versuchen, so liegen die Ursachen klar auf der Hand, wieso Erwerbstätige und Arbeitsuchende, sobald sie eine gewisse Altersgrenze überschritten haben, nicht mehr dem vom Patronat erstellten Profil entsprechen. Sie sind weniger flexibel als jüngere Kollegen, und somit auch weniger polyvalent. Hinzu kommt, dass Jüngere mit niedrigeren Löhnen abgespeist werden können als ältere berufserfahrene Mitarbeiter. Gegen Letztere spricht auch, dass aus Sicht der Unternehmer jüngere Menschen weniger Probleme damit haben, den Anforderungen, die den Schaffanden heutzutage abverlangt werden, gerecht zu werden – zunehmende Deregulierung der Arbeitszeitorganisation, maximale Flexibilisierung, allgegenwärtiger Druck, ständig wachsender Stress.

Wer seine Informationen nicht nur einseitig auf den Chefetagen einfährt, weiß aus erster Hand, dass sich die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren massiv verschlechtert haben. Und zwar in einem Ausmaß, dass viele dieser Verschlechterungen inzwischen zu wahren »Krankautomaten« wurden. Offizielle Statistiken belegen nämlich, dass psychische Beschwerden zunehmend die Ursache von Krankmeldungen sind. Immer häufiger hört man Erwerbstätige, die über allgegenwärtigen Stress, kaum noch auszuhaltendem Druck und zunehmende Erschöpfung klagen. Es fällt ihnen immer schwerer, den ihnen aufgezwungenen Anforderungen gerecht zu werden.

Viele stellen sich deshalb immer häufiger die Frage, ob und wie lange sie diesen Anforderungen gerecht werden können. Ob sie unter diesen Umständen überhaupt in der Lage sein werden, die ihnen abverlangten Arbeiten während 40 – geschweige denn während 43 Jahren – ausüben zu können.

Zu befürchten ist, dass es deren immer weniger sein werden, … und ab 2053 niedrigere Renten wohl zur Regel werden dürften. So wie es die Kommunisten, die als einzige besagte Reform schon vor deren Inkrafttreten eine »Rentenkürzungsreform« bezeichneten, vorhergesagt hatten.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Dienstag 16. Juli 2019