»Unwissentlich mit HIV zu leben ist die größte Gefahr«

Ab sofort sind HIV-Selbsttests in Apotheken – und bald auch in Supermärkten – erhältlich. Damit sollen Hemmschwellen abgebaut werden

Um auch Menschen, die sich aus Scham oder anderen Gründen bisher nicht bei einem Arzt oder einer anderen Stelle auf eine mögliche HIV-Infektion haben testen lassen, dazu zu bewegen, sich nun selbst zu testen, sind HIV-Selbsttests ab sofort auch in luxemburgischen Apotheken – und bald auch in Supermärkten – frei erhältlich. Der Preis liege bei ungefähr 25 Euro. Das erklärte Gesundheitsminister Etienne Schneider am Donnerstag anläßlich der Präsentation des Tätigkeitsberichts 2018 des »Comité de surveillance du SIDA, des hépatites infectieuses et des maladies sexuellement transmissibles«. Die größte Gefahr sei, unwissentlich mit HIV zu leben, erklärte Schneider, und das sei bei geschätzt 15 Prozent der ungefähr 1.200 in Luxemburg lebenden HIV-Infizierten leider der Fall.

Diese geschätzt 180 Personen können ihre unbekannte HIV-Infektion logischerweise nicht behandeln lassen. Es ist aber wichtig, daß eine Behandlung so früh wie möglich beginnt, um die Gesundheit so weit wie möglich zu erhalten. Außerdem ist HIV dann nicht mehr übertragbar, denn die Medikamente verhindern die Vermehrung von HIV im Körper – bis das HI-Virus nicht mehr nachweisbar ist. Dann ist auch eine Übertragung beim Sex nicht mehr möglich und noch immer verbreitete Ängste vor Menschen mit HIV werden abgebaut.

Denn wenn selbst beim Sex keine HIV-Übertragung mehr möglich ist, erscheint die Angst einer Ansteckung über ein gemeinsam genutztes Trinkglas, ein Fitneßgerät oder eine Toilette einfach nur als das, was sie schon immer war: abwegig. Und wenn HIV-Infizierte nicht mehr als Gefahr wahrgenommen werden, werden hoffentlich auch die Zurückweisungen seltener. So wirken die Medikamente einer HIV-Therapie auch gegen Diskriminierung im Alltag.

Komiteepräsidentin Carole Devaux betonte auf der gestrigen Pressekonferenz, eine HIV-Infizierung lasse sich erst nach ungefähr drei Monaten im Blut nachweisen. Auch wies die Ärztin darauf hin, daß der nun in Apotheken erhältliche HIV-Selbsttest nur zu ungefähr 90 Prozent zuverlässig sei. Es sei also ratsam, einen positiven Selbsttest bei einem Arzt wiederholen zu lassen.

2018 deutlich weniger Neuinfektionen

Im vergangenen Jahr ist die Zahl der registrierten HIV-Neuinfektionen deutlich von 60 im Jahr 2017 auf 43 gesunken (31 Männer und zwölf Frauen). Am größten war der Rückgang bei heterosexuellen Männern (14 Neuinfektionen gegenüber 31 im Jahr zuvor) und bei Menschen, die intravenös Drogen konsumieren (vier statt zehn 2017). Damit sei bei Drogenkonsumenten der Wert des Jahres 2010 wieder erreicht, heißt es im Jahresbericht.

Andererseits hätten sich im vergangenen Jahr 21 Männer, die (auch) sexuelle Kontakte mit dem gleichen Geschlecht pflegen, neu mit HIV infiziert, nachdem 2017 nur 15 Neuinfektionen in diesem Personenkreis registriert worden waren. Nach wie vor ist vor allem die Altersgruppe der 26- bis 35-Jährigen von HIV betroffen. Dies gilt insbesondere für homo- und bisexuelle Männer: Von den 21 Neuinfektionen im vergangenen Jahr waren elf 26 bis 35 Jahre alt. Dem Bericht zufolge sind 2018 vier Menschen an den Folgen der erworbenen Immunschwäche AIDS gestorben.

Für die Jahre 2020 bis 2022 hat Luxemburg seinen Beitrag zum Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria (GFATM) mit Sitz im schweizerischen Genf, der unter anderem dafür sorgt, daß künftig mehr als nur 60 Prozent der HIV-positiven Menschen weltweit lebensrettende Medikamente erhalten, auf neun Millionen Euro aufgestockt (plus elf Prozent). Seit seiner Gründung 2002 hat Luxemburg den GFATM mit insgesamt 42 Millionen Euro unterstützt.

oe

Gesundheitsminister Schneider und Komiteepräsidentin Devaux hinter einem ab sofort auch in luxemburgischen Apotheken erhältlichen HIV-Selbsttest (Foto: ZLV)

Donnerstag 11. Juli 2019