Adel und Poesie

Frankreichs Mächtige halten viel auf Bildung und Herkunft. Von Affären hält sie das nicht ab

Am 15. Dezember 2011 entlarvte das Oberste Pariser Berufungsgericht zum ersten Mal in der Geschichte der französischen Nachkriegsrepublik einen ehemaligen Staatspräsidenten als gewöhnlichen Kriminellen und verurteilte ihn zu zwei Jahren Haft auf Bewährung. Doch Jacques Chirac war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr von dieser Welt. Der Politiker, der, wie er und seine Frau Bernadette immer betonten, sein Leben lang »der Republik gedient« hatte, war altersdement.

Sein Name, Chirac, so hatte der wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder, Vertrauensbruch und passiver Bestechung Verurteilte einmal in einem Anflug von Wehmut erklärt, entstamme der »langue d’oc«, dem romanischen Idiom des südfranzösischen Okzidents – »der Sprache der Troubadore und der Poesie«. Auch sein bis heute aktiver ehemaliger Minister und Nachfolger Sarkozy legt Wert auf seinen »guten Namen«. Vor Gericht wird er sich demnächst als Nicolas Paul Stéphane Sarközy, Nachfahre des kleinadeligen ungarischen Geschlechts der Nagy-Bocsa, einer Anklage wegen Korruption und passiver Bestechung stellen müssen.

Adel und Poesie waren im Frankreich der politischen Strippenzieher, ob in der Monarchie oder in der Republik, schon immer prima Rüstzeug eines werdenden Staatsoberhaupts. Von Charles de Gaulle über Valéry Giscard d’Estaing und Dominique de Villepin bis hin zu Sarkozy stand Adel für die Zugehörigkeit zu einer »alten, großen« und daher weitgehend unantastbaren Familie. Poesie war Synonym für Bildung und Kultur, wenn es an Adel mangelte.

Die Listen der Skandale, Affären und peinlichen Ermittlungen gegen Giscard, de Villepin, Sarkozy oder Chirac sind so lang und schwer durchschaubar wie Wappenkunde und Stammbäume jener selten verurteilten Angeklagten, die sich das Land zu eigen gemacht und ihre politische Macht für eigene Zwecke mißbraucht haben. Ein Emmanuel Macron, der gerne als »Mensch in der Kultur« auftritt, sich mit (neuen) Philosophen wie dem ewigen Bernard-Henri Lévy duzt, ist mangels Adel nur als ein der Jesuitenschule entsprungener Literaturkenner, Millionär und Staatschef geworden. Affären hat auch er schon angehäuft.

Hansgeorg Hermann

Frankreichs damaliger Präsident Jacques Chirac mit seiner Frau Bernadette 2002 in Paris (Foto: EPA Photo Pool/Reuters)

Dienstag 25. Juni 2019