Diese Umfrage zeigt klar:

»Vieles läuft schief in der Grundschule«

Das Syndikat Erziehung und Wissenschaft im OGBL (SEW/OGBL) hat die Lehrerschaft der Grundschulen gebeten, über deren Internet-Auftritt an einer Umfrage teilzunehmen. In der Vergangenheit gab es für Vergleichbares 150 bis höchstens 250 Antworten, diesmal wurden es 743, also enorm viel. Die freiwillige Möglichkeit von Zusatzkommentaren wurde ebenfalls über 700 Mal genutzt. Zusammengeschrieben und anonymisiert (es wurde nach Namen und Mail-Adresse gefragt, um Jux auszuschließen, wobei einige anriefen, sie trauten sich nicht das anzugeben!) wurden daraus 380 A4-Seiten.

Ein Fragebogen fürs Lehrpersonal der Sekundarschulen ist übrigens zur Zeit zu finden auf www.sew.lu, wenn auch nur noch kurze Zeit. Wir dürfen auf dieses Ergebnis noch gespannt sein, das der Grundschule seinerseits ist mehr als ernüchternd. Ob Minister Meisch die Botschaft versteht?

Die Umfrageergebnisse will der SEW/OGBL dafür nutzen einen Prozeß anzukurbeln, um Lösungen für die offensichtlichen Probleme zu finden. Offensichtlich sind die Probleme, weil aus allen 15 Direktionen im Verhältnis gleich viel Antworten kamen, wobei nur die in Sanem beheimatete Nr. 5 Lob verdient.

Zu viel belastet, zu wenig respektiert

Das Lehrpersonal fühlt sich generell stark belastet im Beruf, wobei 97,3% erklären, sie hielten gerne Schule. Aber nur 36,5% würden diesen Beruf unter den aktuellen Bedingungen noch einmal wählen, was reicht um festzustellen, daß wir ein großes Problem haben. Noch schlimmer wird es bei der Frage, ob unter den aktuellen Konditionen einem Jugendlichen zu raten ist, diesen Beruf zu ergreifen: 23% Ja zu 75,6% Nein kommen da raus. Bei den Stagiaren, die also höchstens zwei Jahre da sind, gibt es 29,3% Ja zu 70,7% Nein, was erklärt, warum sich so wenig finden, die auf der Uni mit dem Studium anfangen wollen.

55,9% haben sich sogar schon überlegt, den Beruf zu wechseln oder ihn aufzugeben, bei den Stagiaren sind es bereits 37,8%. Das wird verständlich, wenn querbeet durch alle Altersklassen angegeben wird, die Arbeitsbedingungen hätten einen relativ starken Impakt auf die Gesundheit, und der sei in den letzten Jahren immer negativer geworden. Nur für 4% hat sich da was gebessert!

Die Antwortenden sehen ihre Rolle in der Grundschule darin, Wissensvermittler zu sein, Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln, die Kinder zu aufgeklärten, kritischen Bürgern zu erziehen und sie zum Denken anzuregen, nicht aber den Animateur Erzieher oder Konfliktmanager zu geben, was vielfach jedoch in den Vordergrund drängt.
Im Bekanntenkreis ist der Beruf noch respektiert (etliche gaben aber an, der beschränke sich auf Lehrkräfte, weil sie nur noch über Schule redeten), in den Medien (nach dieser Zeitung wurde nicht separat gefragt) und bei der Politik oder in der Gesellschaft sei das jedoch keineswegs der Fall. Bei den Direktionen und den schulexternen Spezialisten dreht sich der Respekt um den Mittelwert mit Ausnahme der bereits genannten Direktion Sanem, die positiv hervorsticht. In der Schule bei Kolleginnen und Kollegen fühlt man sich dafür wirklich respektiert. Bei den Eltern ist das Ergebnis um eine Stufe schlechter wegen »penibler Einzelfälle«, die bereits bis hin zu gewalttätigen Angriffen schritten. Der Respekt der Kinder hingegen wird als unterdurchschnittlich beschrieben, aber immer noch deutlich besser als der der Politik.

Die Unterstützung der Eltern für die pädagogische Vorgangsweise liegt im Mittelbereich und müßte besser sein. Mit Kritiken und Anregungen ist nicht genug Gehör bei den politisch Verantwortlichen im Unterrichtsministerium zu finden: Dialog mit dem Minister gibt es keinen!

Regionale Direktionen als Flop

Bis auf Sanem fühlen sich die Antwortenden nicht von ihrer Direktion unterstützt. Für 51,8% hat sie keinen Einfluß auf die Arbeit, für 34,6% aber einen negativen. Hilfe auf dem pädagogischen Gebiet gibt es ganz klar keine, bei Konflikten fühlt man sich kaum unterstützt und bei Fragen gibt es kaum hilfreiche oder lösungsorientierte Antworten. Wobei in allen Fällen Sanem positiv herausragt.

Der Stage wird als gar nicht sinnvoll erachtet, am wenigsten von den direkt Betroffenen. Der Mittelwert liegt bei 1,7, wobei es die Möglichkeit von 0 bis 5 als Antwort gab. Der Stage wird direkt als entmotivierend bezeichnet – bei den Stagiaren selbst ist hier der Wert 0,4. 40,8% finden den Arbeitsaufwand dabei übertrieben, 39,6% deutlich zu hoch, nur 3,2% angepaßt sinnvoll und 4,4% weniger aufwendig.

Forderungen

Seit 2009 wurden mit dem Kontingent über 10.000 Wochenstunden bei den Kindern abgeschafft, was zu größeren Klassen und zum völligen Wegfall der Stützlehrer in den Schulen geführt hat. Das obwohl der Bedarf bei den Kindern mehr Betreuung erfordern würde! Als erstes muß die Grundschule daher wieder dahin zurück, wo sie 2009 war.
Gefordert wird Respekt vor den Lehrkräften und eine Stärkung der Autorität der Schule, was ein Ende der Dekonstruktion der öffentlichen Schule voraussetzt. Es muß klar sein, daß die Kinder eine intellektuelle Anstrengung für den Schulerfolg zu leisten haben.
Der gesellschaftliche Wandel zeichnet sich durch Hektik und große Unruhe aus. Die Schule müßte Ruhe bieten mit den Maisons Relais, was aktuell fehlt. Streß muß bekämpft, nicht gemanagt werden! Probleme gilt es zu bewältigen, nicht auszuhalten!
Der Verwaltungsaufwand ist auf ein Minimum zu verringern. Vor 30 Jahren wurden zwei Zettel im Jahr ausgefüllt, heute sind es deren drei pro Tag. Das bringt nichts!
Ohne Direktionen, wo die Leute übrigens genauso überfordert sind, hat es besser funktioniert. Wenn sie einen Sinn haben sollten, müssen sie pädagogische Hilfen bieten, keinen verwaltungstechnischen Wasserkopf, der kontrolliert.

Es braucht ein sinnvolles Bewertungssystem (wobei die Abschaffung der Noten positiv gesehen wird) und Verhaltensregeln mit Konsequenzen auch für Kinder und Eltern, nicht nur für Lehrkräfte.

Nur so gibt es eine Chance auf ein Ende der Personalnot. Der Bildungstisch hilft da gar nichts, umso mehr dieselbe Zusammensetzung schon besteht im »Conseil Supérieur de l‘Education«, wo es aber ebenfalls keinen Dialog mit dem Minister gibt. Sein Interesse am gesetzlich vorgesehenen Organ ist so klein, daß die alle zwei Jahre fällige Nominierung der Mitglieder im Mai nicht erfolgte und daher das Gremium jetzt bis September ruht. So nicht!

jmj

Martine Burg, Marvin Caldarello Weis, Olivier Schons, Patrick Arendt, Isabelle Bichler, Nora Watgen, Mara Rossi (von links nach rechts)

Donnerstag 13. Juni 2019