Notstand in der Notaufnahme vieler Krankenhäuser

Frankreich: Mit Streiks gegen Mangel an Personal und Mitteln

Der Zeitungsbericht über Ermittlungen der Justiz im Fall einer Frau, die Ende vergangenen Jahres in der Notaufnahme des Pariser Krankenhauses Lariboisière gestorben ist, hätte für die französische Regierung nicht ungünstiger kommen können. Die 55 Jahre alte Patientin, die auf der Straße zusammengebrochen und mit starken Schmerzen und 40 Grad Fieber von der Feuerwehr ins Krankenhaus gebracht worden war, mußte dort elf Stunden lang auf einer Trage liegend warten, bis sich ein Arzt um sie kümmerte. Doch da war sie bereits tot.

Die Ermittlungen ergaben, daß elementarste Vorschriften und Dienstanweisungen außer Acht gelassen wurden – aus Arbeitsüberlastung und Personalmangel, wie die Ärzte und Schwestern der Notaufnahme zu Protokoll gaben. Während die Medien darüber berichten, gehen die Streiks, die die Notaufnahmen von bis zu 90 öffentlichen Krankenhäusern des Landes erfaßt haben und mit denen gegen derartige Zustände protestiert wird, bereits in die vierte Woche. Dabei tragen die Ärzte und Schwestern Aufkleber an der Kleidung, die sie als Streikende ausweisen, doch sie verrichten weiter ihre Arbeit.

Weil diese Art von Streik die zuständigen Politiker nicht sonderlich zu beeindrucken scheint, gingen einige Ärzte und Schwestern einen Schritt weiter und ließen sich krank schreiben. Darauf reagierten die Behörden mit Dienstverpflichtung und ließen die Betroffenen mit der Polizei an ihren Arbeitsplatz bringen. Ein Ende der Streiks ist nicht abzusehen, denn die Reaktionen der Regierung entsprechen nicht dem Ernst der Lage, meinen die Mitarbeiter der Notaufnahmen. So kündigte Gesundheitsministerin Agnes Buzyn nur eine Arbeitsgruppe zur Überprüfung und Neuordnung der Notaufnahmen öffentlicher Krankenhäuser an.

Das sei »enttäuschend«, meint der populäre Unfallmediziner Patrick Pelloux. Den kennen fast alle Franzosen durch das Fernsehen, wo er während der Hitzewelle im Sommer 2003, als 30.000 alte Menschen wegen mangelnder Betreuung ums Leben kamen, die schlechte Vorsorge und Notfallversorgung scharf kritisiert hat. Auch jetzt ist er wieder überzeugt, »daß die Regierung den Ernst der Situation und die Dimension der Misere nicht erfaßt.« Die französische Gesundheitsministerin hält sich zugute, daß sie eine Aufstockung ihres Budgets von 80 auf 82 Milliarden Euro durchsetzen konnte.

»Das war auch dringend nötig, wenn man sich den Zustand vieler Krankenhäuser ansieht«, meint der auf das Gesundheitswesen spezialisierte Ökonom Claude Le Pen. »Diese Misere ist nicht verwunderlich nach all den Jahren, in denen viel zu wenig investiert wurde.« Der Kern des Problems sei, daß die Zahl der Patienten, die die Notaufnahmen der Krankenhäuser im Anspruch nehmen, Jahr für Jahr um fünf Prozent zunimmt, während der Umfang der Mittel und die Zahl der Ärzte und Pfleger stagniert oder sogar rückläufig ist. Dabei hat die Regierung den jetzt von ihr beklagten Ärztemangel selbst geschaffen, indem sie vor Jahren auf Druck der Berufsverbände, die um die Einkünfte der niedergelassenen Ärzte fürchteten, einen Numerus Clausus für Medizinstudenten eingeführt hat. Der wird erst jetzt etwas gelockert.

Daß es in Frankreich zu wenig Pfleger gibt, liegt den Gewerkschaften zufolge an der schlechten Bezahlung, die zusammen mit den strapaziösen Arbeitsbedingungen und der Überlastung zu einer hohen Fluktuation führt. Eine Hilfsschwester verdient beispielsweise mit 1.500 Euro brutto kaum mehr als den gesetzlichen Mindestlohn. Das französische Gesundheitswesen zählt 1,1 Millionen Beschäftigte, doch nach Überzeugung der Gewerkschaften müßten es mindestens 100.000 mehr sein.

Von der Notaufnahmemisere besonders betroffen sind Krankenhäuser in Stadtvierteln oder Vororten mit vorwiegend einkommensschwachen und sozial benachteiligten Familien. Hier gibt es viel weniger niedergelassene Ärzte als im Landesdurchschnitt. Daher bleibt oft kein anderer Ausweg als die Notaufnahme des öffentlichen Krankenhauses. Dort darf niemand abgewiesen werden und außerdem muß man nicht wie bei niedergelassenen Ärzten die Behandlungskosten selbst vorstrecken, um sie sich später von der Krankenkasse erstatten zu lassen. So kommt es, daß bis zur Hälfte jener, die die Notaufnahmen der Krankenhäuser in Anspruch nehmen, hier eigentlich nichts zu suchen haben und den Platz für wirkliche Notfälle blockieren.

Ralf Klingsieck, Paris

Die Notaufnahme des Pariser Krankenhauses Lariboisière, in der Ende vergangenen Jahres eine Patientin starb (Foto: EPA)

Mittwoch 12. Juni 2019