Von Miami orchestriert

Versuch einer Provokation in Havanna auf Kosten der LGBT-Bewegung

Eine Woche vor dem Internationalen Tag gegen Homo-, Trans-, Bi- und Interphobie am 17. Mai kündigte Kubas Tourismusminister Manuel Marrero auf der Internationalen Tourismusmesse FITCuba 2019 für Oktober die Eröffnung des erste LGBT-Resorts der Insel an. Marreros Termin fiel mit den vom 7. Mai an zum zwölften Mal durchgeführten »Kubanischen Tagen gegen Homophobie und Transphobie« zusammen. Bis zum morgigen Freitag geht es in zahlreichen Veranstaltungen um die Rolle und Rechte der LGBT-Bewegung in Kuba. Einer der Höhepunkte war am vergangenen Freitag die Ehrung des bekanntesten USA-Aktivisten Cleve Jones durch Mariela Castro, die Vorsitzende das Nationalen Kubanischen Zentrum für Sexualaufklärung (Cenesex), im Theater Karl Marx von Havanna.

Doch weder das eine noch das andere Ereignis schaffte es über Kuba hinaus in die bürgerlichen Medien. Für Schlagzeilen sorgte dagegen die überraschende Absage der »Congas Cubanas«, der von Cenesex organisierten traditionellen Anti-Homophobie-Paraden in Havanna und Camagüey, die vom Gesundheitsministerium zunächst nur vage mit »den neuen Spannungen im internationalen und regionalen Rahmen»« begründet wurde. Noch mehr Aufmerksamkeit fand die Beendigung eines nicht angemeldeten »Umzugs« durch die Polizei.

Wie dpa und die von Cleve Jones geleitete Organisation »Rainbow World Fund« übereinstimmend meldeten, waren etwa 100 Teilnehmer am Samstag mit Regenbogenfahnen vom Parque Central auf der Prachtstraße »Prado« in Richtung der sechsspurigen Uferpromenade Malecón marschiert, wo sich der Zug auflöste. Wegen des hohen Verkehrsaufkommens war die Polizei nach eigenen Angaben an der viel befahrenen Kreuzung präsent, um die Sicherheit der Teilnehmer und den Verkehrsfluß zu gewährleisten. Laut dpa wurden »mindestens drei Demonstranten, die den Kordon mit Gewalt durchbrechen wollten, vorübergehend festgenommen«. Obwohl die Demonstranten nach wenigen Stunden wieder frei waren, lö­ste die Maßnahme der Sicherheitskräfte in Kuba und im Ausland kontroverse Reaktionen aus.

Contra-Medien wie der »Nuevo Herald« (Miami), »Diario de Cuba« (Madrid) und das staatliche USA-Propagandaportal »Martí Noticias« sowie systemfeindliche Blogger in Kuba prangerten in gleichlautenden Beiträgen die »Verletzung der Menschenrechte« an. Doch auch Befürworter der Revolution, wie die Musiker Silvio Rodríguez, Vicente Feliú und Haydée Milanés kritisierten die Absage der Congas und das Vorgehen der Polizei.

Der Journalist Marco Velázquez Cristo rief in dem Blog »PostCuba« dagegen zu einer sachlichen Debatte auf. Er verwies darauf, daß auch die nicht angemeldete Demonstration vom Samstag durchgeführt werden konnte und ein Durchbruch der Polizei-Absperrung am Malecón schließlich das Leben der Beteiligten und der Verkehrsteilnehmer gefährdet hätte. Die Vorfälle seien bewußt für die Medien inszeniert worden, meint Velázquez Cristo. Es gebe jedoch »kein Bild von Schlägen durch Polizeiknüppel, den Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern oder von Verletzten«, gibt er zu bedenken.

Der Publizist Iroel Sánchez hält die Absage der Cenesex-Conga durch das Gesundheitsministerium für problematisch. Dies habe es den Gegnern des kubanischen Modells erleichtert, die Autorität und Arbeit der von Mariela Castro geleiteten Institution zu diskreditieren und den frei gegebenen Raum zu besetzen, schrieb Sánchez in seinem Blog »La pupila insomne«. Zugleich greift Sánchez aber die Organisatoren der Demonstration vom Samstag an, unter denen sich unter anderem der Systemgegner Ariel Ruíz Urquiola befand, der auch zu den vorübergehend Festgenommenen gehörte.

Wie der Blog »Razones de Cuba« dokumentierte, gehörte Ruíz Urquiola zu einer Gruppe von 30 prominenten Systemgegnern, die am 16. Oktober 2018 in der USA-Botschaft in Havanna von den USA-Diplomaten Todd Henderson und Mónica Fernándet Salina auf kommende »Aktionen« vorbereitet worden waren. Man könne doch nicht ignorieren, daß einige der angeblichen LGBT-Aktivisten wie Ariel Ruíz Urquiola »in der USA-Botschaft Anweisungen von dem homophoben, gewalttätigen, rassistischen, misogynen und fremdenfeindlichen Donald Trump entgegen nahmen«, schreibt Sánchez.

Weitere Belege für den aus Miami orchestrierten Versuch der Einflußnahme waren auch Thema in der Fernsehsendung »Mesa Redonda« am Montagabend (Ortszeit). Cenesex-Direktorin Mariela Castro bat die Zuschauer in der Sendung um Sachlichkeit. »Der Kampf für die LGBT-Rechte ist Teil unseres Beitrags zum revolutionären Prozeß. Ich wünsche mir, daß das kubanische Volk es so versteht und keinen Unsinn, keine Vorurteile und Klatsch der sich irreführend als unabhängig bezeichnenden Presse und der großen Medien reproduziert«, sagte sie.

Volker Hermsdorf, Havanna

Etwa 100 Teilnehmer marschierten am Samstag mit Regenbogenfahnen vom Parque Central auf der Prachtstraße »Prado« in Richtung der sechsspurigen Uferpromenade Malecón, in Begleitung westlicher Reporter (Foto: AFP)

Mittwoch 15. Mai 2019