Nach dem Blackout

Venezuela kehrt zur Normalität zurück. Die von Washington und der Opposition erhoffte »Explosion« blieb aus

Nach fast einer Woche voller Chaos und Unsicherheit in Folge des durch Sabotage verursachten landesweiten Zusammenbruchs der Stromversorgung kehrt in Venezuela wieder Normalität ein. Die Energieversorgung ist wiederhergestellt, hieß es am Mittwoch (Ortszeit), und tatsächlich ging in den Haushalten das Licht wieder an.

Seit den Nachmittagsstunden des 7. März hatten Millionen Menschen im Dunkeln gesessen. Ursache für den größten und längsten Stromausfall in der Geschichte des südamerikanischen Landes war der Zusammenbruch der automatisierten Steuerungseinheiten des Simón-Bolívar-Wasserkraftwerks am Guri-Stausee, das als drittgrößtes der Welt gilt und normalerweise 80 Prozent Venezuelas mit Energie versorgt. In der Folge fielen auch Internetplattformen sowie elektrische und mechanische Einrichtungen aus.

So stellten die Pumpen den Betrieb ein, die die Haushalte mit Trinkwasser versorgen. Ob Festnetz oder Handy – die Telefone waren tot. Es gab kein Internet, keine U-Bahn, kaum öffentliche Verkehrsverbindungen. Die Airports stellten den Betrieb ein, unzählige Flüge fielen aus. Bargeldloses Bezahlen ging nicht, weil die entsprechenden Lesegeräte ausgefallen waren – und weil nach wie vor viel zu wenig venezolanisches Bargeld im Umlauf ist, begannen die Geschäfte, ihre Waren gegen ausländische Währung abzugeben. Viele Menschen hatten das Gefühl einer beginnenden Apokalypse. Es gab Gerüchte einer unmittelbar bevorstehenden Intervention durch die USA-Armee.

Mitten in dieser Atmosphäre rief die ultrarechte Opposition zu Protesten auf. Ihre Anhänger sollten die Straßen besetzen, und auch zu Plünderungen wurde mobilisiert. Der »Selbsternannte«, wie der Oppositionspolitiker Juan Guaidó von vielen Venezolanern nur noch genannt wird, rechtfertigte auf Twitter die Überfälle, die es in diesen chaotischen Tagen in einigen Einkaufszentren gegeben hatte. Man dürfe keine Verletzung des Privateigentums verteidigen, schrieb er, aber man dürfe auch nicht die Verzweiflung der Menschen ignorieren, die seit Tagen ohne Strom und Wasser seien und auch nicht kaufen könnten, was sie dringend brauchten. Gestohlen wurden bei den Zwischenfällen allerdings vor allem Fernsehgeräte und Luxusartikel, auch alkoholische Getränke.

Dies waren aber Ausnahmen. Ratingagenturen hatten zuvor prognostiziert, daß die Regierung zur Bewältigung einer solchen Krise mehr als zwei Wochen brauchen würde und mit einer beispiellosen sozialen Explosion gerechnet. Sie blieb aus. Trotzdem verbreitete man in Washington Katastrophenmeldungen, in Veröffentlichungen des State Department, des Senators Marco Rubio oder von Donald Trumps Beauftragtem Elliott Abrams.

Doch Venezuela machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Am Samstag, keine 48 Stunden nach Beginn der Krise, öffneten die Läden, die über eigene Generatoren verfügten, wieder ihre Türen, und vorsichtig begannen die geschäftlichen Aktivitäten. Am Sonntag wurden weite Teile des Landes zumindest vier Stunden am Tag mit Strom versorgt, allerdings waren Städte wie Valencia, Barquisimeto und Maracaibo zu diesem Zeitpunkt bereits 72 Stunden ohne Energieversorgung. Die Regierung, die bereits den Freitag für schul- und arbeitsfrei erklärt hatte, verlängerte diese Maßnahme auf Montag, Dienstag und Mittwoch.

Am Dienstag konnte Informationsminister Jorge Rodríguez mitteilen, daß man die vollständige Versorgung fast wieder erreicht habe. Angespannt blieb die Lage im Westen Venezuelas. Nach Angaben aus dem Militär war in Trujillo die Energieversorgung zu diesem Zeitpunkt erst zu 18 Prozent wiederhergestellt, in Apure waren es 40 Prozent. Dagegen wurde aus Caracas ein 90-prozentiges Funktionieren gemeldet.

Während also die Lichter nach und nach wieder aufflammten, rief Guaidó seine Anhänger für Dienstagabend zu Kundgebungen »gegen die Dunkelheit« auf. Der »Selbsternannte« wollte sich in den ärmeren Vierteln von Caracas seinen Anhängern zeigen, doch die geringe Beteiligung machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Nach ein paar kurzen Kundgebungen brachen seine Berater die Tournee ab. Am Mittwoch konnte schließlich die Regierung den »Sieg im Stromkrieg« verkünden.

Modaira Rubio, Caracas

Provisorische Versorgung mit Trinkwasser in Caracas
(Foto: AFP)

Freitag 15. März 2019