Jeder fünfte Schaffende unter 24 von Armut bedroht

Eurostat: Nur in Rumänien zählen mehr junge Schaffende zu den »working poor«

Seit Jahren beklagt die Salariatskammer CSL, in Luxemburg mit seinem vergleichsweise hohen Lebensstandard gebe es immer mehr Menschen, die trotz täglicher Arbeit Gefahr laufen, in Armut abzurutschen. In den »Econews« vom November 2018 hieß es zuletzt, der »Taux de risque de pauvreté au travail« sei im Jahr 2017 auf den höchsten Stand seit Beginn der Erhebung durch die CSL 2005 gestiegen. In einer neuen Studie des EU-Statistikamtes werden die Befunde bestätigt und es wird gezeigt, daß das Phänomen der »working poor« vor allem unter Schaffenden im Alter von 18 bis 24 Jahren erschreckend weit verbreitet ist. Laut Eurostat zählt in Luxemburg jeder fünfte junge Schaffende (20,0 Prozent) zu den arbeitenden Armen. Nach Rumänien mit 28,2 Prozent landete das Großherzogtum damit EU-weit auf dem unrühmlichen zweiten Platz vor Dänemark und Spanien. Am besten schnitten Eurostat zufolge Tschechien (1,5%), die Slowakei (3,8%) und Finnland (4,2%) ab.

Daß Luxemburg deutlich schlechter abschneidet als seine Nachbarn – in Deutschland lag der »working poor«-Anteil unter den 18- bis 24-Jährigen 2017 laut der Studie bei 12,6 Prozent, in Frankreich bei 10,6 und in Belgien nur bei 9,4 Prozent – liegt vor allem daran, daß der hiesige Bruttomindestlohn nur knapp über der Schwelle zum Armutsrisiko liegt, der Nettomindestlohn sogar darunter. Gemäß der in der EU verwendeten Definition gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des nationalen Einkommensmedians zur Verfügung hat. Der Median- oder mittlere Lohn ist der Lohn, den die eine Hälfte der Schaffenden eines Landes unterschreitet und die andere Hälfte überschreitet. Er ist nach Meinung der meisten Statistiker besser geeignet, Armut und Reichtum einer Gesellschaft abzubilden als das wenig aussagekräftige Durchschnittseinkommen.

Auf dem Neujahrsempfang der Salariatskammer hatte ihr Präsident Jean-Claude Reding am vergangenen Donnerstag erklärt, für die CSL sei es »inakzeptabel, daß Luxemburg in der EU einer der Spitzenreiter beim Prozentsatz der ‚working poor’ ist«. Deshalb sei »eine strukturelle Erhöhung des Mindestlohns unumgänglich«. Wie Reding in seiner Neujahrsansprache ebenfalls erklärt hat, sind vor allem junge Schaffende von der »wachsenden Prekarität« im Land betroffen. Vor allem sie müßten nichtentlohnte Praktika leisten und würden überdurchschnittlich oft mit Zeitverträgen abgespeist. Erst im vergangenen Herbst habe die CSL in einer Studie nachgewiesen, daß der Übergang von einem befristeten zu einem unbefristeten Arbeitsvertrag immer schwieriger wird, und daß Schaffende mit einem befristeten Vertrag einem viel höheren Armutsrisiko ausgesetzt sind.

Berechnungen der Salariatskammer zufolge müßte der Mindestlohn in Luxemburg um 21 Prozent erhöht werden, damit er tatsächlich vor einem Abrutschen unter die Armutsschwelle schützen kann. Weil dem so ist, hat die KPL in ihrem Programm zu den Chamberwahlen unter anderem die Anhebung des Mindestlohns um 20 Prozent gefordert.

oe

Während im EU-Durchschnitt elf Prozent der 18- bis 24-Jährigen trotz täglicher Arbeit Gefahr laufen, in Armut abzurutschen, sind es in Luxemburg 20 Prozent (Grafik: Eurostat)

Mittwoch 23. Januar 2019