Seit nahezu 40 Jahren in der Stahlindustrie beschäftigt

»Bleibe keinen Tag länger als notwendig«

Es war eigentlich keine Überraschung, dass im Strategiepapier Lux 2011 sowohl die »cellule de reclassement« (CDR) wie auch die Vorruhestandsregelung für die Beschäftigten in der Stahlindustrie aufrechterhalten wurden. So können über »normale« Abgänge die Produktivität gesteigert und der beschlossene Postenabbau umgesetzt werden. Das Ganze allerdings als Jobgarantie und Absicherung der Standorte zu bezeichnen – wie es John Castegnaro vor Wochen im Anschluss an die Stahl-Tripartite tat – war schon ein dickes Stück. Immerhin sollen bis zu 650 Posten innerhalb von nur drei Jahren in der Produktion gestrichen werden. Rechnet man die 400 Arbeitsplätze hinzu, die in den nächsten Monaten in den Abteilungen Verwaltung und Vertrieb vernichtet werden, dann werden in den kommenden 36 Monaten voraussichtlich um die 1.000 Posten dem Rotstift zum Opfer fallen. Arbeitsplätze, die für die künftig auf den Arbeitsmarkt stoßenden Jahrgänge nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Daran ändern auch die Äußerungen des einstigen Gewerkschaftspräsidenten – die sich wie eine wahre Siegesmeldung anhörten – nichts. Die »Rettungsaktion« geht abermals voll und ganz auf Kosten der Schaffenden.

Neu ist nur, dass sich der Konzern während der beiden ersten Jahre mit 30 Prozent an den Kosten der »préretraite ajustement« beteiligen muss und in den Jahren 2009 und 2010 jeweils 50 Arbeitsuchende über die Adem eingestellt werden sollen. Ab 2011 wird dann nur mehr die »préretraite solidarité« (30% der Kosten gehen zu Lasten des Patronats) beantragt werden können, d.h., dass jeder Abgang durch eine Neueinstellung ersetzt werden muss.

Um die 850 Beschäftigten werden in den beiden nächsten Jahren ihren Dienst über die Vorruhestandsregelung quittieren können. Es ist kein Geheimnis, dass die meisten davon sicherlich schleunigst vom »Angebot« Gebrauch machen werden. Denn wie zu Zeiten der Stahlkrise hört man auch heute immer wieder Arbeitskollegen über 50 sagen: »Keinen Tag länger als notwendig«.

Nachdem sich die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren nämlich bereits wesentlich verschlechtert haben, kam in den letzten Monaten noch hinzu, dass die Produktionsanlagen mehrmals abwechselnd stillgelegt und dem Personal vermehrt Feierschichten aufgebrummt wurden. »Nur wer selbst davon betroffen ist, weiß, wie sehr das Nervenkostüm durch solche Arbeitsbedingungen belastet wird. Wie schwer erträglich es ist, nicht zu wissen, ob oder wie lange man in den nächsten Wochen auf seinem eigentlichen Arbeitsposten eingesetzt wird? Ob man wieder Zwangsurlaub aufgebrummt bekommt oder vorübergehend in die CDR muss? Kein Wunder, dass immer häufiger Kollegen aufgrund der zunehmenden Ungewissheit nervlich erkranken«, meinte uns gegen-über ein Stahlarbeiter, der in den Monaten November und Dezember nur abwechselnd auf seinem Posten als Walzer arbeitete, allerdings während 21 Tagen »Urlaub« verordnet bekam und einen großen Teil der verbleibenden Schichten der CDR zugeschrieben und mit Maler- und Reinigungsarbeiten beschäftigt war. »Schlimm dabei ist, dass mir im Sommer der beantragte Urlaub gestrichen wurde, so dass ich nicht mit der Familie – Kinder und Enkelkinder – wie beabsichtigt in Frankreich Ferien machen konnte, …um dann bei Nässe und Kälte zuhause bleiben zu müssen. Wirklich Scheiße.« Der Unmut, nicht zu wissen, wie es in diesem Jahr weitergehen soll – weder der Betriebchef, noch sein direkter Vorgesetzter konnten ihm eine Antwort darauf geben –, war deutlich herauszuhören.

»Ich bin im Februar 1953 geboren. Deshalb werde ich sicherlich schon in den kommenden Wochen damit beginnen, die verbleibenden Schichten auf einem Kalender anzukreuzen, damit ich keinen Tag länger als notwendig arbeiten werde«, so die abschließenden Worte eines völlig demotivierten Walzers.

Nur wer schon ein Hüttenwerk von innen gesehen und Ahnung von dem mühseligen Schaffen eines Stahlarbeiters hat, kann diese Verbittertheit verstehen. Wichtig wäre – zumindest bei späteren »Rettungsaktionen«, dass man diesen zunehmenden Unmut auch in den Gewerkschaftszentralen richtig einzuschätzen versteht. Zumal unser in wenigen Wochen 56 Jahre alter Walzer nur ein Beispiel von vielen sein dürfte.

g.s.

Gilbert Simonelli : Montag 5. Januar 2009