Ein Blick hinter die Betriebsfassaden

Er steht kurz vor Schichtschluss an der Drehbank und wartet auf die Ablöse. Nur noch wenige Minuten, und er wird endlich die ersehnte Fahrt nach Hause antreten können. Umso größer ist sein Unmut, als ihm mitgeteilt wird, dass er seinen Posten bis auf weiteres nicht verlassen darf, da der Arbeitskollege, der ihn ablösen sollte noch nicht eingetroffen ist. Es sieht also alles danach aus, als wenn ihm, ähnlich wie bereits einige Tage zuvor, erneut Überstunden aufgezwungen würden. Dies, obwohl sein letzter freier Arbeitstag bereits dreieinhalb Wochen zurückliegt.

Erfreut zeigt sich auch der LKW-Fahrer nicht, der recht müde von einer längeren Fahrt zurück ist und sich nichts Sehnlicheres wünscht als nach Hause zu dürfen, um nach einer warmen Mahlzeit im Kreis der Familie und einem wohltuendem Bad endlich in sein warmes Bett schlüpfen zu können. Unter die Decke wird er in den nächsten Stunden jedoch nicht können, da er – obwohl er bereits mehrere Stunden hinter dem Steuer saß – damit beauftragt wurde, eine wichtige Fracht ins nahe Ausland zu transportieren. Dies, weil einem seiner Kollegen, der für diese Fahrt vorgesehen war, wegen Personalmangel mit einer anderen Mission beauftragt wurde.

Kaum besser ist die Stimmung unter den Beschäftigten einer größeren Baufirma, die seit Tagen schon angehalten sind, über die eigentliche Schichtdauer hinaus Präsenz zu zeigen, weil der Bauherr die vertraglich festgelegten Termine unbedingt einhalten möchte. Bestehende Unfallgefahren, über die ihn besorgte Bauarbeiter bereits bei Inbetriebnahme der Baustelle informierten, ließ er aus Ko­stengründen bis heute allerdings nicht absichern.

Und was glauben Sie wie es um den »älteren« Handwerker bestellt ist, der auf Anraten seines behandelnden Arztes um eine Versetzung auf einen weniger belastenden Posten bat – hierfür sogar eine Lohnkündigung unterzeichnete –, nach nur wenigen Wochen jedoch wieder auf seinen alten Posten zurückversetzt wurde? Wohlverstanden bei reduzierter Entlohnung. Schließlich hat er ja die Einwilligung dazu unterschrieben. So sieht es zumindest sein Vorgesetzter. Dass er die Einwilligung zur Lohnkürzung nur unterschrieben hat, um von der schweren und schmutzigen Arbeit an der Schleifbank befreit und ins Werkzeuglager versetzt zu werden, daran kann oder will sich der Chef allerdings nicht mehr erinnern.

Da wären noch die Beschäftigten eines in der Gastronomie tätigen Unternehmens, die in den letzten Monaten mehrfach Überstunden verrichten mussten, die geschuldeten Zuschüsse allerdings größtenteils nicht verrechnet bekamen. Wetten, dass die Betroffenen dies nicht so ohne weiteres schlucken würden, wenn die Situation auf dem Arbeitsmarkt nicht so dramatisch wäre?

Abschließend noch ein Wort über die zunehmenden Beschwerden zahlreicher Mitarbeiterinnen einer Supermarktkette, denen Überbela­stung und Erschöpfung aufgrund der zunehmenden Flexibilisierung und Deregulierung der Arbeitszeitregelung – an sechs Wochentagen häufig wechselnde Arbeitszeiten und immer weniger freie Sonntage – immer mehr zu schaffen machen. Nicht nur gelingt es ihnen kaum noch, Beruf, Freizeit und Familienleben unter einen Hut zu kriegen, auch klagen sie immer häufiger über gesundheitliche Probleme.

Einige Beispiele von vielen, die belegen wie sehr sich die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren quer durch alle Wirtschaftssektoren verschlechtert haben. Vor allem in Betrieben, in denen es keinen Kollektivvertrag gibt, oder Gewerkschaften kaum vertreten sind.

So, und nicht anders sieht derzeit die Situation hierzulande in den meisten Betrieben aus. Und da wollen uns Patronatsorganisationen, Regierung und internationale Institute (nach angeblichen Umfragen) allen Ernstes weismachen, in Luxemburg wäre die Kritik an den bestehenden Arbeitsbedingungen kaum erwähnenswert, dem Patronat würde der Großteil aller Beschäftigten allgemein gute Noten bescheinigen .

Wer’s glaubt, wird selig.

g.s.

Freitag 11. Januar 2019