Landraub auf Golanhöhen

Bewohner der syrischen Provinz Kuneitra berichten von israelischer Hilfe für bewaffnete Gruppen

Wie jedes Jahr hat sich die UNO-Generalversammlung am 16. November wieder mit der anhaltenden israelischen Besatzung und Annexion der syrischen Golanhöhen befaßt, sie als »völkerrechtswidrig und illegal« verurteilt und Israel einmal mehr zum Abzug aufgefordert. Für die erneute Resolution stimmten 151 Staaten, 14 enthielten sich, einzig die USA und Israel waren dagegen. Allerdings ist der Entschluß der Generalversammlung rechtlich nicht bindend.

Einen Tag vor der Abstimmung hatte Nimrata Haley, die scheidende Botschafterin der USA bei der UNO, verkündet, daß die USA zum ersten Mal gegen die Resolution stimmen würden. Dieses »unnütze, jährliche Votum zu den Golanhöhen«, das »eindeutig voreingenommen gegenüber Israel« sei, werde nicht weiter unterstützt.
Israels Botschafter bei der UNO, Danny Danon, dankte Haley für ihr Statement und bezeichnete die Resolution im Kurznachrichtendienst Twitter als »abscheulich«. Es sei höchste Zeit, »daß die Welt unterscheidet zwischen denen, die die Region stabilisieren, und denen, die Terror säen«. Demgegenüber ist die israelische Besatzungspolitik aus arabischer Sicht die Ursache von Krisen und Kriegen.
Für die Syrer sind die Vertreibung der eigenen Bevölkerung von den Golanhöhen und ihre anhaltende Besetzung nicht vergessen. Kuneitra, die Hauptstadt der gleichnamigen westsyrischen Provinz, zu der das Gebiet gehört, ist mit ihren Trümmern bis heute ein Symbol dafür. 130.000 Menschen wurden von den israelischen Truppen 1967 vertrieben. Rund 7.000 syrische Drusen harren in ihren Dörfern aus. 1973 konnte die syrische Armee einen Teil des Gebiets zurückerobern. Die UNO vermittelte 1974 einen Waffenstillstand und stationierte Soldaten ihrer Beobachtermission UNDOF in einer entmilitarisierten Pufferzone.

Der Grenzübergang zwischen den besetzten Golanhöhen und Syrien ist bei Kuneitra mit drei Toren gesichert. Von syrischer Seite kommt man nur mit einer Sondergenehmigung bis an das erste, von syrischen Einheiten gesicherte Tor. In einiger Entfernung gibt es ein zweites Tor, das – erkennbar an der UNO-Fahne – von den UNO-»Blauhelmen« gesichert wird. Dahinter ist ein drittes Tor zu sehen, über dem die israelische Flagge weht.

Der Einsatzleiter am ersten Tor beantwortet bereitwillig Fragen. Vor dem Krieg sei er hier im Einsatz gewesen, und seit die Armee das Gebiet im Sommer 2018 befreit habe, sei seine Einheit zurückgekehrt. Er habe erlebt, wie die bewaffneten Gruppen anrückten: »Sie kamen durch das Tor der Israelis. Es waren sehr viele, Hunderte. Wir waren nur sehr wenige Polizisten und mußten uns zurückziehen.«
Die UNO müsse von dem Vormarsch gewußt haben, so der Einsatzleiter. »Sie zogen sich zurück, bevor die Kämpfer kamen. Diese haben dann die UNO-Position eingenommen.« Zweimal wurde Kuneitra von diesem Tor aus angegriffen, berichtet er. Einmal Ende 2013 und dann wieder Anfang 2014. Nie hätten sie das von Israel erwartet, so der Militär, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Die israelische Unterstützung für die Kämpfer ist belegt. Sowohl von Jordanien kommend als auch vom Grenzübergang, zogen die Kämpfer in die Orte in der UNO-Pufferzone und griffen auch die Stadt Al-Baath an, die 1986 als Ersatz für das zerstörte Kuneitra gebaut worden war. Die israelische Tageszeitung »Haaretz« berichtete am 8. September von mindestens zwölf Kampfverbänden, die von Israel mit Geld und Waffen versorgt wurden. Die israelisch-US-amerikanische Organisation Amaliah organisierte in den Provinzen Deraa und Kuneitra Projekte mit syrischen Oppositionellen.

Als die ursprünglichen Bewohner im August dieses Jahres in ihre Dörfer zurückkehrten, fanden sie in ihren Häusern Nahrungsmittel, Kosmetika und Feuerlöscher mit der Aufschrift »Made in Israel«. In dem Ort Beer Adscham gab es auch einen Stützpunkt für die »Weißhelme«, wie der Anwohner Abu Jasar berichtete. In den Räumen liegen noch die Verpackungen medizinischer Geräte und Medikamente aus den Niederlanden, Belgien, Jordanien und Großbritannien. Dazwischen Kleidung mit dem Symbol der »Weißhelme« und eine Maske des »Islamischen Staates« (IS). »Sie haben hier trainiert«, sagt Abu Jasar. Mit der Bevölkerung hätten sie kaum Kontakt gehabt.

Ende Juli dieses Jahres wurden Hunderte »Weißhelme« von Israel über die besetzten Golanhöhen nach Jordanien evakuiert. Deutschland erklärte sich bereit, acht »Weißhelme« mit ihren Familien aufzunehmen, insgesamt rund 50 Personen.

Karin Leukefeld, Kuneitra

Ausgangspunkt für Angriffe: Das israelisch kontrollierte Tor zwischen den besetzten Golanhöhen und Syrien (15.10.2018) (Foto: EPA-EFE)

Freitag 23. November 2018