Hauseinstürze in Marseille zeugen vom Wohnungselend

Aus verrotteten Bauten schlagen »Schlaf-Händler« Profit

In Marseille, wo am Montag zwei Wohnhäuser eingestürzt sind, wurden bis Donnerstag sechs Tote aus den Trümmern geborgen. Von den drei Frauen und drei Männern konnten erst drei identifiziert werden. Das zeugt davon, daß in dem noch bewohnten der beiden benachbarten Häuser Menschen lebten, die keine Papiere hatten und daher auch nicht gemeldet waren.

Das andere Haus, mit dem der Einsturz begonnen hatte, war unbewohnt und auch nicht illegal besetzt. Türen und Fenster waren zugemauert, aber ein Teil des Daches fehlte und durch Regenwasser war offensichtlich ein Teil der Balken verrottet, wurde inzwischen durch einen Bericht der Bauaufsicht bekannt. Wegen seines katastrophalen Zustands war dieses Haus nach langjährigen bürokratischen und juristischen Verzögerungen enteignet und von der Stadt übernommen worden, um es für Sozialwohnungen zu sanieren.

Doch dann geschah wiederum lange nichts – bis zum Einsturz, der auch das Nachbarhaus und dessen Bewohner mit in die Tiefe riß. Noch während der ersten Räumarbeiten, bei denen nach mindestens acht vermißten Personen gesucht wurde, mußte in derselben Straße einige Hausnummern weiter ein drittes Wohnhaus geräumt und kontrolliert zum Einsturz gebracht werden, weil es ebenfalls jeden Augenblick zusammenzubrechen drohte.

Dasselbe Schicksal ereilte am Mittwoch ein viertes und fünftes Haus in derselben Straße. Die liegt mitten in der historischen Altstadt unweit des Alten Hafen. Hier im Noailles-Viertel, wo junge Familien spartanische, aber billige Wohnungen finden und wo neue Boutiquen und Cafés für eine lebendige Atmosphäre sorgen, sind nach einem bereits 2008 aufgestellten Expertenbericht 48 Prozent der Häuser vernachlässigt und sanierungsbedürftig.

»Ursprünglich war das ein Viertel von Handwerkern, Gewerbetreibenden und Kleinbürgern«, erinnert sich Nordine Abouakil, die hier seit ihrer Kindheit lebt und Sprecherin des Bürgervereins »Ein Stadtviertel für alle« ist. In den 1960er Jahren begann der soziale Abstieg, als die ursprünglichen Bewohner in neuere Viertel zogen und mittellose Flüchtlingsfamilien aus dem unabhängig gewordenen Algerien nachrückten. Viele Hauseigentümer sparten an den Unterhaltungsarbeiten und nach und nach wurden zahlreiche der heruntergekommenen Häuser von skrupellosen »Schlaf-Händlern« aufgekauft, die in den Wohnungen einzelne Zimmer oder sogar einzelne Betten an Ausländer ohne gültige Papiere vermieteten.

Für die ist das meist die einzige Möglichkeit, zu einem Dach überm Kopf zu kommen und die Hausbesitzer »verdienen« so an den Häusern ein Mehrfaches dessen, was die Miete regulärer Bewohner einbringen würde. Vereine wie die Stiftung des Mönchs Abbé Pierre, der sich schon seit den 1950er Jahre für menschwürdiges Wohnen engagiert und dabei viel bewirkt hat, machen seit Jahren in Marseille auf die hier besonders schlimme Lage aufmerksam.

Selbst bei Polizei und Justiz gibt es Bereitschaft, skrupellosen Hausbesitzern das Handwerk zu legen, doch bei der rechten Stadtverwaltung von Marseille laufen solche Initiativen nur zu oft ins Leere. »Die Stadt reagiert zögerlich, macht in unzureichendem Maße von ihrem Enteignungsrecht Gebrauch und setzt zu wenig Mittel für Programme zur Sanierung solcher Häuser für Sozialwohnungen ein«, ist der linke Oppositionspolitiker Jean-Luc Mélenchon überzeugt, der 2017 in Marseille zum Parlamentsabgeordneten gewählt wurde und der hier bei der Kommunalwahl 2020 für das Amt des Bürgermeisters kandidieren will.

Ralf Klingsieck, Paris

(Foto: AFP)

Freitag 9. November 2018