Am Rande des Abgrunds

Wenn auch von Regierungsseite stets versucht wird, die sich merklich degradierende Situation im Lande schönzureden, so zeigt der Alltag, dass die Zahl der Haushalte, die von sozialen Problemen betroffen sind, in letzter Zeit stark zugenommen hat.

Uns ist in dieser Hinsicht das Beispiel eines jungen Paares bekannt (sicherlich kein Einzelfall), das ohne eigenes Verschulden an den Rand des sozialen Abgrunds gedrängt wurde.

Alles begann vor etwas mehr als dreieinhalb Jahren, als Manuela* ihren Job verlor, nachdem der Familienbetrieb, in dem sie seit ihrem Schulabschluss (ohne Qualifikation) arbeitete, nach dem Tode des Firmenchefs die Aktivitäten einstellte. Trotz aller Anstrengungen verlief die Suche nach einem neuen Job ergebnislos. Um die 100 Bewerbungen hatte sie verschickt. Mit dem einzigen Resultat, dass sie zu mehreren Vorstellungsgesprächen eingeladen wurde, die jedoch alle erfolglos verliefen.

Eine Situation, die für die junge Mutter – ihr Sohn war damals anderthalb Jahre alt – nur schwer zu ertragen war. Um die finanzielle Situation ihres Haushalts etwas aufzubessern, nahm sie einige Stundenjobs als Putzfrau an. Unangemeldet natürlich. Ihren Sohn brachte sie mit Hilfe einer Bekannten in einem Kindergarten unter. Doch nicht für lange. Denn als nach einem Jahr die Frist der Arbeitslosenunterstützung ablief, fehlte das Geld für den Krippenplatz. Der Lohn ihres Mannes, der bei einer Baufirma arbeitete, reichte, nachdem die Miete gezahlt, der verbleibende Autokredit beglichen und die üblichen Haushaltskosten geregelt waren, dazu nicht aus.

Kaum noch auszuhalten, ja direkt dramatisch wurde die Situation, als die Baufirma, die ihren Mann beschäftigte, völlig unerwartet Konkurs anmeldete. Zum Glück fand er schon nach wenigen Wochen einen neuen Job. Nicht als Bauarbeiter, sondern in einem mittelgroßen Betrieb, der Ersatzteile für Autos herstellt. Dass er fortan praktisch nur mehr mit Grenzgängern zu tun hatte, statt wie bisher mit portugiesischen Landsleuten, störte ihn nicht. Hauptsache war, dass er schnell wieder einen Job hatte, und so für den Unterhalt seiner Familie sorgen konnte.

Doch aus dem tiefen Loch, in das der Haushalt ohne eigenes Verschulden gedrängt worden war, als dem Ehemann während Monaten der Lohn, wenn überhaupt, dann nur mehr unregelmäßig bezahlt wurde – einmal blieb die Familie sogar während sechs Wochen ohne Einkommen –, kamen die jungen Eltern nur mehr schwer heraus. Eine Situation, die sich weiter verschlechterte, als im Januar 2007 die Monaten zuvor in der Tripartite beschlossenen Maßnahmen in Kraft traten (Sozialabbau) und auf kommunaler Ebene die Preise für Wasser, Strom und Müllabfuhr regelrecht explodierten.

Da Manuela nach wie vor arbeitslos war und kein Anrecht mehr auf Arbeitslosengeld hatte, gab es immer häufiger Perioden, in denen zum Monatsende das Geld vorne und hinten nicht reichte. Auf vieles musste die Familie verzichten. Sogar dem Kleinen musste so manches vorenthalten werden.

Schweren Herzens trafen beide deshalb die Entscheidung, sich von ihrem Auto zu trennen. Ein Geschäft machten sie beim Verkauf nicht, doch immerhin waren sie nun zumindest die Schulden los. Sie hatten dadurch wieder mehr Luft zum Atmen. Bis sie ein Schreiben im Briefkasten hatten, in dem ihnen mitgeteilt wurde, dass Miete und Nebenkosten (Charges) erhöht würden. Beiden blieb nichts anderes übrig, als sich nach einer neuen Wohnung umzuschauen. Und hatten dabei endlich einmal Glück. Sie wurden nämlich nicht nur schnell fündig und die neue Miete war nicht nur um 150 Euro niedriger, ihnen stand auch ein zusätzliches Zimmer zur Verfügung, so dass der Kleine fortan endlich sein eigenes Schlafzimmer beziehen konnte.

Doch der nächste Coup folgte schon wenige Monate später. Und zwar nachdem sich Toni** mit finanzieller Unterstützung seiner Schwiegereltern und einem winzigen Bankkredit einen kleinen Gebrauchtwagen gekauft hatte, um mit weitaus geringerem Aufwand (schlechte Busverbindungen) zur Arbeit zu gelangen. Denn nur wenige Kreditraten waren gezahlt, als ihm im November des letzten Jahres mitgeteilt wurde, dass es nicht nur keine Überstunden mehr zu verrichten gäbe, sondern dass im Dezember Kurzarbeitet anstehe. Auf Kurzarbeit gesetzt wurde er anschließend auch in den Monaten Januar und Februar. Das heißt drei Monate um die 20 Prozent weniger Lohn. Ohne eigenes Verschulden ist das junge Elternpaar in den letzten Jahren somit von einer schwierigen Situation in die andere gedrängt worden. Dass Manuela inzwischen immer häufiger an Depressionen leidet, sieht sie dabei noch als das geringste Problem.

g.s.

* (**) Die Namen sind der Redaktion bekannt

Gilbert Simonelli : Sonnabend 14. Februar 2009