Iran-Blockade verknappt Ölangebot

USA-Regierung sucht neben den Saudis weitere Lückenfüller und will auch in Moskau anfragen

Erst war American Football angesagt, dann ging es um Öl: USA-Energieminister Richard Perry hat zu Wochenbeginn seinen saudischen Amtskollegen Khalid Al-Falih in Washington empfangen. Nach standesgemäßer Einstimmung – Perry, ehemaliger Gouverneur von Texas, hatte schon am Samstag gemeinsam mit Al-Falih ein Spiel der »Texas A & M Aggies« besucht – verhandelten die beiden am Montag über ein Thema, das die gesamte Branche derzeit umtreibt wie kaum ein zweites: die bevorstehenden Ölsanktionen der USA gegen den Iran.

Die USA-Diplomatie dazu läuft auf Hochtouren. Ab Anfang November soll, so verlangt es Präsident Donald Trump, kein Staat der Welt mehr iranisches Öl erwerben. Das soll helfen, die Regierung in Teheran im mittelöstlichen Machtkampf in die Knie zu zwingen, auch über den Weg, die iranische Wirtschaft in den Kollaps und die Bevölkerung zur Revolte treiben. Der Boykott muß nun – Ziel Nummer eins – durchgesetzt werden. Niemand macht ihn freiwillig mit. Nur, wenn man einen durchaus relevanten Anbieter einer Ware ausschaltet, wenn man also das Angebot verknappt, dann steigen die Preise – das ist dem Immobilienoligarchen Trump durchaus bewußt. Teures Öl aber ist schlecht für einen USA-Präsidenten, dessen Partei Anfang November wichtige Wahlen gewinnen will. Deshalb muß also – Ziel Nummer zwei – das künstlich verknappte Angebot wieder vergrößert werden. Das geht nur, wenn man bedeutende Erdölländer dazu bringt, die Förderung in die Höhe zu treiben. Auch das geschieht nicht ohne Anreiz.

Am Montag hatte Minister Perry deshalb seinen saudischen Amtskollegen zu Gast. Das Land nimmt in den USA-Plänen, die Ölförderung außerhalb des Iran zu erhöhen, einen zentralen Platz ein. Riad hatte im Juni tatsächlich begonnen, seine Förderung, die bis dahin um die zehn Millionen Barrel pro Tag (Faß; je 159 Liter) lag, auszuweiten, sie dann aber schon im Juli wieder zurückgefahren. Dies ließ sich laut Kreisen der Organisation der Erdölexportierenden Länder (OPEC) nicht vermeiden, weil die Saudis nach einem Angriff der jemenitischen Huthi auf einen ihrer Öltanker im Roten Meer den Schiffstransport in Richtung Mittelmeer kurzfri­stig einstellen mußten. Im August aber hatte die saudische Fördermenge ihr Volumen vom Juni – 10,4 Millionen Barrel pro Tag – bereits wieder erreicht, und Minister Al-Falih macht weiter Druck.

Allerdings verlangt er Gegenleistungen. In Washington hieß es am Montagabend (Ortszeit), man habe auch über USA-Unterstützung für Riads Absicht gesprochen, Kernkraftwerke zu bauen, um vom Öl unabhängig zu werden. Nun weisen Experten schon lange darauf hin, daß es Saudi-Arabien ein leichtes wäre – und zudem billiger als Kernkraft –, sich mit Sonnenenergie aus dem fossilen Zeitalter zu verabschieden. Riad allerdings will den Atomeinstieg um jeden Preis – Urananreicherung inklusive. Ob Perry und Al-Falih am Montag eine Einigung erzielen konnten, wurde zunächst nicht bekannt.

Perry entfaltet in dieser Woche weitere Aktivitäten an der Förderfront. Die Zeit drängt: Der Iran hat noch im Juni satte 2,5 Millionen Barrel Öl pro Tag exportiert. Diese Menge wird Saudi-Arabien, das laut Angaben von Experten noch nie mehr als elf Millionen Barrel pro Tag gefördert hat, kaum allein ersetzen können. Und es wackelt in der weltweiten Förderung ohnehin an mehreren Stellen: Die in Venezuela ist im Laufe des vergangenen Jahres eingebrochen; in Libyen kollabiert sie immer wieder; jüngst haben die anhaltenden Unruhen in Basra auch ein Fragezeichen hinter den irakischen Ölexport gesetzt.

Perry, verzweifelt auf der Suche nach Förderländern, die größere Zusatzmengen liefern könnten, fliegt am Donnerstag ausgerechnet nach Moskau, um seinen russischen Amtskollegen Alexander Nowak zu treffen. Rußland hätte Kapazitäten, könnte zusätzliche Einkünfte auch zweifellos gut gebrauchen – nur: Unter welchen Bedingungen tut man einem Staat einen Gefallen, der einen gerade mit heftigen Wirtschaftssanktionen und militärischem Druck überzogen hat? Perry wolle mit Nowak nicht zuletzt über »Nord Stream 2« sprechen, hieß es vorab. Mit der Forderung, die Pipeline nicht zu bauen, könnte Washington sich ohnehin überhoben haben; sie wäre womöglich Spielmaterial.

An der Boykottfront hat die USA-Regierung zuletzt Erfolge erzielt. Südkorea, Irans drittgrößter Ölkunde, hat kürzlich angekündigt, sich den USA-Sanktionen zu beugen. Japan, die Nummer sechs auf der Li­ste, hat dies vor wenigen Tagen ebenfalls getan. Die iranischen Ausfuhren fallen bereits, sie sind im August bei vermutlich 1,66 Millionen Barrel pro Tag zwischengelandet. In der vergangenen Woche haben sich der Außenminister und der Kriegsminister der USA, Michael Pompeo und James Mattis, nun um Irans zweitgrößten Ölkunden Indien bemüht. Bei einem Aufenthalt in Neu-Delhi verhandelten sie über einen Ausbau der außen- und militärpolitischen Kooperation. Indien ist seit je bestrebt, sich als asiatisches Gegengewicht zu China zu positionieren, schafft das allerdings nicht ansatzweise ohne äußere Unterstützung. Zugleich kauft es nicht nur iranisches Öl, es hat auch viel Geld in den Hafen Chabahar im Osten Irans investiert, der es ihm unter anderem erlauben würde, den Handel mit Afghanistans Westen unter Umgehung seines Erzfeindes Paki­stan auszubauen. Und die Iran-Sanktionen? Sie bieten den Indern auf jeden Fall Verhandlungsmasse.

Jörg Kronauer

USA-Energieminister Rick Perry, derzeit auf Werbetour für den Wirtschaftskrieg gegen den Iran (Foto: AP/dpa)

Mittwoch 12. September 2018