Nützliche Märchen

Studie der Hans-Böckler-Stiftung widerlegt Gerede vom »Fachkräftemangel« in Deutschland. Interessen hinter der Kampagne ungewöhnlich deutlich benannt

Irgendwann, es mag zehn Jahre oder noch länger her sein, brach in der Bundesrepublik der »Fachkräftemangel« aus. Seither suchen Chefs immerzu nach »qualifizierten Mitarbeitern« – selbstverständlich »händeringend«. Inzwischen gehört der »Fachkräftemangel« zu den Requisiten, die von der Kapitallobby bei jeder Bühnenszene verwendet werden. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK), der unter den Unternehmerverbänden bei diesem Thema eine Art Anleitungsaufgabe erfüllt, warnte zuletzt im März 2018: Beinahe jedes zweite Unternehmen in Deutschland (48 Prozent) melde aktuell freie Stellen, die es »längerfristig« nicht besetzen könne. Es handele sich um 1,6 Millionen Stellen – erstaunlicherweise besonders bei kleinen und mittleren Unternehmen mit eher geringen Qualifikationsanforderungen. Genannt wurden etwa die Leiharbeitsbranche und das Bewachungsgewerbe.

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hat sich speziell diese Zahl einmal genauer angesehen und am Mittwoch eine ausführliche kritische Analyse veröffentlicht. Das WSI weist auf das Paradox hin, daß die Kampagne der Unternehmerverbände ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Rezession von 2008/09, als »die Massenarbeitslosigkeit eine Realität« war, Fahrt aufnahm. Der behauptete »Fachkräftemangel« sei damals durch und durch eine »Fata Morgana« gewesen. Ein Jahrzehnt später lasse sich in bestimmten, meist eng umgrenzten Berufsfeldern anhand der Zahlen der Bundesagentur für Arbeit tatsächlich ein Mangel an geeigneten Bewerbern feststellen: bei einzelnen technischen Berufen, in der Bauwirtschaft, in Teilen des Gesundheits- und Pflegebereichs. Die Zahlen des DIHK aber nennt die WSI-Studie »widersprüchlich und deutlich überhöht«: Weder »können derzeit 48 Prozent der Unternehmen offene Stellen längerfristig nicht besetzen, noch gibt es 1,6 Millionen offene Stellen«.

Auch die Behauptung, der »Fachkräftemangel« sei in jenen Branchen besonders verbreitet, in denen die formalen Qualifikationsanforderungen relativ gering sind, erweise sich empirisch als »nicht nachvollziehbar«. Dieser Nachweis hat seine eigene Bedeutung, da, so das WSI, der DIHK aus seiner Falschdiagnose »weitreichende Forderungen nach einer erleichterten Einwanderung aus Drittstaaten zugun­sten der genannten Niedriglohnbranchen« ableite – obwohl es auf dem EU-Arbeitsmarkt 18 Millionen Erwerbslose gebe. Die Interessen hinter diesen Forderungen benennt das WSI-Papier überraschend deutlich: Bei der mit falschen Zahlen gefütterten Kampagne handele es sich um einen »Reflex« des Bestrebens der Unternehmer, durch »Einwanderung die Entwicklung der Arbeitskosten im deutschen Niedriglohnsektor zu dämpfen«. Zweck der in diesem Zusammenhang erhobenen politischen Forderungen sei, »das Einwanderungsrecht in sehr einseitiger Weise an die Interessen von Arbeitgebern in Niedriglohnbranchen anzupassen«. Die eigentliche Ursache für den Bewerberschwund in vielen Betrieben sei mithin »kein Mangel an Fachkräften, sondern an Zahlungsbereitschaft«.

Vor diesem Hintergrund fordert das WSI, den Grundsatz, wonach eine Einwanderung zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit eine konkrete Stellenzusage zur Voraussetzung habe muß, nicht weiter aufzuweichen. Gerade diese Regelung wird zur Zeit heftig attackiert – zuletzt von der FDP in einem Positionspapier zum geplanten Einwanderungsgesetz.
Mit welcher Seelenruhe Unternehmer unterdessen auf die langfristige Bindung von »Fachkräften« pfeifen, war am Donnerstag der »Rheinischen Post« zu entnehmen. Die berichtete über eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei, aus der hervorgehe, daß 2017 sage und schreibe 41 Prozent aller Neueinstellungen in der Bundesrepublik mit Befristungen versehen waren. Fast die Hälfte (46 Prozent) der jungen Berufsanfänger unter 25 Jahren wurde demnach befristet eingestellt. Die innerbetriebliche Übernahmequote liege bei 42 Prozent. So etwas darf man, ganz ohne Übertreibung, eine Machtdemonstration nennen.

Nico Popp

Fachkraft für faulen Zauber: Angela Merkel spricht auf der Vollversammlung des DIHK (Berlin, 16.3.2016) (Foto: dpa)

Dienstag 11. September 2018