Aretha Franklin

Hat sich die Queen of Soul wirklich »mit politischen Aussagen immer zurückgehalten«?

Nein. Diese Behauptung der ARD stimmt nicht. Die »Tagesschau« hatte am 16. August in einem Nachruf auf die mit 76 Jahren verstorbene berühmte und einzigartige afroamerikanische Soul-Sängerin erklärt: »Aretha Franklin hielt sich mit politischen Aussagen immer zurück.«
Aber war es nicht eine deutliche politische Aussage, als die Queen of Soul, die als erste Frau in die Ruhmeshalle des Rock & Roll aufgenommen worden war, 2008 auf der Inaugurationsfeier des ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA, Barack Obama, in Washington sang und dann erklärte: »Ich denke, die meisten Menschen, nicht nur Afroamerikaner, erwarten und erhoffen Änderungen in Amerika.« Daß die Erwartungen und Hoffnungen dann bitter enttäuscht wurden, steht auf einem anderen Blatt. Schon 1968 hatte sie bei der Beisetzung des ermordeten Anführers der Bürgerrechtsbewegung Martin Luther King und – mit ähnlichen Hoffnungen – auf dem Wahlparteitag der Demokratischen Partei ihre Stimme erhoben.

War es denn keine politische Aussage, als die Künstlerin Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre die Sozialarbeit der von Kaliforniens reaktionärem Gouverneur Ronald Reagan erbittert verfolgten Black Panther Party unterstützte? Oder im Frühjahr 1972? Auf einem Solidaritätskonzert für Angela Davis vor fast 7.000 Zuhörern im Shrine-Auditorium in Los Angeles brachte sie – zusammen mit Sammy Davis jun., Roberta Flack und Quincy Jones – mit ihren Liedern und dem Schrei nach »Respect« und »Freedom« sowie mit »Spanish Harlem« die Halle fast ins Wanken. Ich kann es bezeugen. Der Gesamterlös ging an den Solidaritätsfond für die eingekerkerte Bürgerrechtskämpferin.

War es nicht eine wichtige politische Aussage, als Aretha Franklin schon 1967 zusammen mit Harry Belafonte, Sidney Poitier und Joan Baez nach sieben Konzerten mehr als 250.000 Dollar für den Kampf von Martin Luther King und seiner Bürgerrechtsorganisation SCLC (Southern Christian Leadership Conference) gegen den Rassismus in den USA spendete? King und ihr Vater, Rev. C. L. Franklin, ein landesweit bekannter Bürgerrechtskämpfer, waren eng befreundet.

Und Aretha Franklins Auftritt 2005 bei der Beisetzung der Ikone der Bürgerrechtsbewegung, Rosa Parks, sollte der kein politisches Statement gewesen sein? Die Afroamerikanerin hatte sich 1955 in Montgomery (Alabama) geweigert, ihren Platz im Bus einem Weißen zur Verfügung zu stellen und war daraufhin verhaftet worden. Das wurde von den Schwarzen mit einem Busboykott beantwortet, der als Anfang der USA-Bürgerrechtsbewegung gilt.

Da ist noch die Aussage von Aretha Franklin, die in der Dezembernummer 1970 des Magazins »Jet« abgedruckt wurde, damals in den USA großes Aufsehen erregte und in der Regierung Richard Nixon geradezu Wut ausgelöst haben muß. Sie kündigte an, für die vom FBI als eine der zehn schlimmsten Verbrecher gesuchte und gerade in New York verhaftete Kommunistin Angela Davis die Kaution für ihre Freilassung zu zahlen, »ob es 100.000 oder 250.000 Dollar sind«.

Wörtlich erklärte sie weiter: »Mein Vater meint, ich wisse nicht, was ich tue. Selbstverständlich habe ich Respekt vor ihm – aber ich stehe zu meinen Überzeugungen. Angela Davis muß freigelassen werden. Mich hatten sie auch schon eingesperrt, weil ich den Frieden in Detroit gestört habe ... Ich weiß, daß man den Frieden stören muß, wenn sie dir keinen Frieden gewähren. Das Gefängnis ist die Hölle. Ich werde versuchen, falls es Gerechtigkeit in unserem Land gibt, sie dort herauszubekommen. Und das nicht, weil ich an den Kommunismus glaube, sondern, weil sie eine schwarze Frau ist und Frieden für die schwarze Bevölkerung will. Ich habe das Geld. Ich bekam es von der schwarzen Bevölkerung – sie hat mich finanziell in die Lage versetzt, und will es nutzen, um unseren Menschen zu helfen.«

Die Justizbehörden lehnten die Entlassung von Angela Davis gegen Kaution allerdings zu diesem Zeitpunkt ab. Die geforderten über 100.000 Dollar hat anderthalb Jahre später der weiße kalifornische Farmer Rodger McAfee zur Verfügung gestellt.

Der bekannte Bürgerrechtler Pastor Jesse Jackson meinte über Aretha Franklin, sie sei »eine Kämpferin« gewesen, die ihre wunderbare Stimme und ihre Kunst »als Plattform für Gerechtigkeit genutzt hat«.

Wer, wie die ARD, die Behauptung aufstellt, Aretha Franklin habe sich mit politischen Aussagen zurückgehalten (was fast einer Verunglimpfung der Toten gleichkommt), sollte lieber zuerst in die eigenen Archive schauen. Oder war die fast komplette Reduzierung der lebenslangen Streiterin gegen Rassismus auf ihre wunderbare Kunst, die uns ARD und viele andere deutsche Medien anboten, vielleicht gewollt?

Horst Schäfer
Der Autor war in den 70er Jahren Korrespondent der DDR-Nachrichtenagentur ADN in den USA

Aretha Franklin und Martin Luther King 1967 in Detroit

Freitag 7. September 2018