Rückkehr nach sechs Jahren

Die Leute von Bryka und Beer Ajam machen ihre Dörfer wieder bewohnbar

Quneitra. Die UNO-Blauhelme sind zurück. Seit 1974 bewachen sie die Waffenstillstandslinie auf den syrischen Golanhöhen, die Syrien von dem Teil der Golanhöhen trennt, den Israel 1967 besetzte und annektierte. 1973 konnten syrische Truppen einen kleinen Teil zurückerobern. Um weiteren Krieg zu verhindern, entschied der UNO-Sicherheitsrat die UNDOF, die UNO-Beobachtermission zu stationieren.

2012 waren die UNDOF-Soldaten erstmals von bewaffneten syrischen Regierungsgegnern bedroht worden. Die Kämpfer waren aus Jordanien gekommen und – im Schutz israelischer Truppen – durch die syrischen Provinzen Deraa und Qunaitra nach Norden vorgedrungen. Von der Provinzhauptstadt Qunaitra sind es knapp 50 Kilometer nach Damaskus, wo der Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad geplant war. 2013 und erneut 2014 wurden Dutzende Blauhelm-Soldaten von den Islamisten entführt und erst nach Verhandlungen wieder freigelassen. Für die Freilassung 2014 war nicht nur eine große Geldsumme geflossen – unbestätigten Berichten zufolge hatte das Emirat Katar bezahlt – die Blauhelme wurden auch abgezogen, die Gotteskrieger hatten freie Bahn.
Verjagt wurden auch die Bewohner der Dörfer Bryka, Beer Ajaam und Modariya (arabisch: Kahtaniya), unweit von Qunaitra. Die Dörfer waren von Tscherkessen gegründet worden, die Mitte des 19. Jahrhunderts vor den Truppen des russischen Zaren aus dem Kaukasus geflohen waren. Über die Türkei – wo viele von ihnen entlang der Schwarzmeerküste siedelten – waren sie nach Syrien gekommen.

Auch die Vorfahren von Amer, Nabil und Hussam hatten sich vor mehr als 150 Jahren auf den Golanhöhen niedergelassen, die geographisch zu den osmanischen Provinzen Syrien und Palästina gehörten. Als Israel die Golanhöhen 1967 überfiel und besetzte, flohen die Familien nach Damaskus. Amer, Nabil und Hussam waren damals noch Schuljungen. Ihre Dörfer, Beer Ajam und Modariya wurden 1973 von der syrischen Armee zurückerobert. Nabil arbeitete dort bis zu seiner Pensionierung als Agraringenieur, Amer baute ein neues Haus in Modariya.

Die rund 1.000 Meter hoch liegenden Breyka und Beer Ajam seien für die Tscherkessen »heilige Orte« gewesen, sagt Hussam. »Wie Mekka und Medina für die Muslime.« Jedes Wochenende seien sie »ins Grüne« gefahren, die Familien hätten sich zum Picknick in den Wiesen und Feldern, in den Obstbaumplantagen am Fuße des Nada Berges niedergelassen. »Wenn wir da gesessen haben, konnten wir die Stimmen der israelischen Soldaten hören, die oben auf dem Berg einen Militärposten haben«, erinnert sich Hussam. Der Berg, nur knapp einen Kilometer von Beer Ajam entfernt, ist von der israelischen Armee besetzt.

Nun konnten die Freunde erstmals nach sechs Jahren zurückkehren und waren schockiert. Stromleitungen, Armaturen, Waschbecken, Fenster und Türen waren aus ihren Häusern verschwunden, an den Wänden standen Parolen von Islamisten. Möbel, Kleidung, Geschirr, Werkzeug war gestohlen. In einigen Häusern hielten sich noch die Familien von Regierungsgegnern auf, deren Rückführung in ihre ursprünglichen Dörfer noch bevorstand. Produkte israelischer Herkunft wie Feuerlöscher, Medikamente, Rasierschaum, Kosmetika für Frauen lagen herum. »Die Israelis gingen hier offenbar ein und aus«, meint Hussam. Israelische Hilfsorganisationen hätten Hilfsgüter an die Gotteskrieger und deren Familien verteilt – und Waffen.

Die Leute von Bryka und Beer Ajam haben angefangen, ihre Dörfer wieder bewohnbar zu machen. Gemeinsam räumen sie auf. Wer einen Tisch, Stühle oder einen Schrank übrig hat, bringt ihn zu Familien, die sie brauchen. »Die Provinzverwaltung hat zugesagt, die Straßen zu reparieren und die Strom- und Wasserversorgung wieder herzustellen«, sagt Amer.

Das Schlimmste sei, daß »der Urwald um unsere Dörfer« verschwunden ist, fügt er hinzu und zeigt die Fotos, die er mit seinem Handy aufgenommen hat. Bäume, Büsche wurden abgeholzt, die Wiesen und Obstplantagen sind vertrocknet. Auch die Statue von Satanaya, einer tscherkessischen Legendenfigur gibt es nicht mehr. Die hohe, schlanke Gestalt stand in einem Park, der nicht mehr existiert und hielt ein Buch in der einen Hand und ein Licht in der anderen. »Sie stand für das Wissen«, sagt Hussam. »Sie sollte die Menschen ermuntern, ihr Leben durch Bildung zu verändern.« Die Gotteskrieger durchsiebten die Statue mit Schüssen und zertrümmerten sie dann.

Karin Leukefeld, Damaskus

Eine syrische Fahne im Grenzgebiet (Foto: EPA-EFE)

Donnerstag 6. September 2018