Unser Leitartikel:
Für Klarheit in der Sprache

…ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg

Element of Crime

Zu den Mitteln der Meinungsmanipulation gehört die Entstellung von Begriffen. Sie verschwimmen entweder durch ihre beliebige Anwendung, wobei unklar wird, welche Bedeutung sie in einem bestimmten Zusammenhang haben. Oder sie werden schlichtweg mit falschen Bedeutungen belegt und so lange wiederholt, bis sich die falsche Bedeutung durchgesetzt hat und die richtige nicht mehr verstanden wird. Zwar verwundert es nicht, wenn die Verteidiger der herrschenden Gesellschaftsordnung mit Begriffen wie »Nullwachstum« oder »Negativwachstum« versuchen, die nur für eine verschwindend kleine Minderheit rosigen Zukunftsaussichten zu verschleiern, doch wie kommt ausgerechnet die Chambre des salariés (CSL) dazu, sich im deutschen Teil ihres Internetauftritts »Arbeitnehmerkammer« zu nennen?

Bei dem Wortpaar Arbeitgeber/Arbeitnehmer wird die Bedeutung ins Gegenteil verkehrt. Sogenannte Arbeitgeber kaufen auf Grundlage ihres Eigentums an Produktionsmitteln Lohnarbeit und damit Lohnarbeiter ein, deren Arbeit sie also nehmen. Umgekehrt verkaufen – also geben – die Lohnarbeiter ihre Arbeit diesen Produktionsmitteleigentümern. Sie als »Arbeitnehmer« zu bezeichnen, verdreht die Tatsachen.

Weiterhin suggeriert das sprachliche Verhältnis Arbeitgeber/Arbeitnehmer, daß der vermeintliche Arbeitgeber etwas ohne adäquate Gegenleistung geben würde und der vermeintliche Arbeitnehmer etwas ohne adäquate Gegenleistung nehmen würde. Der Begriff »Arbeitgeber« hat insofern auch einen gönnerhaften, der Begriff »Arbeitnehmer« einen ausnutzerischen Unterton. Beide Untertöne sind objektiv nicht gerechtfertigt.

Doch spiegelt dieses sprachliche Verhältnis zwischen den Begriffen den Zustand wider, den der Arbeitsmarkt auch in Luxemburg längst hat, nämlich daß ein großes Angebot von Arbeitskräften – Ende Juli waren es selbst den offiziellen Angaben zufolge mehr als 15.000 Männer und Frauen – auf eine erheblich kleinere Nachfrage nach Arbeitskräften – im Laufe des Monats Juli wurden der Adem nur 3.612 unbesetzte Stellen gemeldet – trifft. Vor dem Hintergrund wird es zuweilen als gönnerhaft empfunden, Nachfrage nach der eigenen Arbeit zu haben, also »Arbeitnehmer« sein zu dürfen.

Der Begriff verdunkelt, daß es sich bei den »Arbeitnehmern« um Menschen handelt, die zur Sicherung ihrer Existenz gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, weil sie selbst über keine Produktionsmittel verfügen. Der Begriff verdunkelt darüber hinaus, daß dies eine gesellschaftlich bedingte Abhängigkeit ist, die sich historisch durch den Prozeß der Arbeitsteilung entwickelt hat und daß es die Arbeiter sind, die den Kapitalismus erst ermöglichen.

Der Salariatskammer müßte eigentlich einleuchten, daß nur klare und eindeutige Begriffe auch ein klares Denken und die verständliche Vermittlung von Informationen ermöglichen.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Donnerstag 6. September 2018