Keine Verlierer?

Kooperationsforum China-Afrika beginnt in Peking. Wissenstransfer und Infrastrukturprojekte im Fokus

Es soll den Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und dem afrikanischen Kontinent einen weiteren Schub verleihen: das »Forum on China-Africa Cooperation« (FOCAC), das am Montag in Peking begann. Die Staats- und Regierungschefs aller 53 afrikanischen Staaten, die diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik unterhalten, sind in die chinesische Hauptstadt eingeladen worden; als einziges Land des Kontinents bleibt Swasiland, das sich seit kurzem Königreich Eswatini nennt und an der Anerkennung Taiwans festhält, dem Gipfeltreffen fern. »China und Afrika: auf dem Weg zu einer noch stärkeren Gemeinschaft mit einer gemeinsamen Zukunft durch Win-win-Kooperation« – so lautet das Programm-Motto für FOCAC 2018.

Das FOCAC hat, seit es im Oktober 2000 in Peking zum ersten Mal durchgeführt wurde, den Ausbau der chinesisch-afrikanischen Beziehungen konsequent begleitet. Im Jahr 2000 waren diese Beziehungen noch recht schwach: Das Handelsvolumen lag bei zehn Milliarden US-Dollar, also nicht einmal bei der Hälfte des deutsch-afrikanischen Warentauschs, während die chinesischen Investitionen auf dem afrikanischen Kontinent kaum dreistellige Millionenhöhe erreichten und vernachlässigbar waren. Alle drei Jahre abwechselnd in der chinesischen Hauptstadt und in einem Land Afrikas abgehalten, hat das FOCAC seitdem stets neue Schritte zu einer engeren Kooperation in die Wege geleitet – mit Erfolg: Der Handel wuchs beständig und in hohem Tempo und erreichte 2014 ein Rekordvolumen von stolzen 216 Milliarden US-Dollar, fast das Vierfache des deutsch-afrikanischen Warenaustauschs. Schon im Jahr 2009 war China zum größten Geschäftspartner des Kontinents aufgestiegen; diese Position hat es nicht mehr eingebüßt, wenngleich sich 2015 größere Umbrüche ergaben.

Im Jahr 2015 stürzte der chinesisch-afrikanische Handel plötzlich ab, weil die Preise für Erdöl und andere Rohstoffe einbrachen: Der Wert der chinesischen Importe aus Afrika, die weitgehend aus Rohstoffen bestanden, ging in den Keller. In dieser Situation hat der FOCAC-Gipfel im Dezember 2015 in Johannesburg einen Kurswechsel gebracht: Es wurde beschlossen, chinesische Unternehmen »zu ermutigen«, Produktionsstätten in Afrika aufzubauen und damit nicht nur Arbeitsplätze zu schaffen, sondern auch Personal auszubilden und Technologietransfer zu leisten.

Der chinesischen Industrie kam das durchaus recht: Der Schritt bot die Chance, Fabriken, die aufgrund der in der Volksrepublik steigenden Löhne nicht mehr genügend Gewinn abwarfen, in afrikanische Niedriglohnländer zu verlagern. Das geschieht seither in zunehmendem Maß. Nun stellt sich freilich ebenfalls immer dringlicher die Frage, welche Perspektive die Länder Afrikas in diesem Kontext haben: Werden sie auf Dauer Rohstofflieferanten und Absatzmärkte chinesischer Konzerne sein, die ihrerseits den Kontinent allenfalls noch als Niedriglohnstandort nutzen? Das hätte mit solidarischer Süd-Süd-Kooperation, wie Peking sie immer wieder beschwört, nicht mehr viel zu tun.

Ausbildung und Vermittlung von Know-how

Das FOCAC 2015 hat Beschlüsse gefällt, die einer solchen Entwicklung entgegenwirken sollen. Peking versprach nicht nur, binnen drei Jahren 30.000 Stipendien an Studenten aus afrikanischen Ländern zu vergeben, sondern auch 200.000 Arbeitskräfte auszubilden sowie 40.000 Afrikaner zu Fortbildungsmaßnahmen in die Volksrepublik zu holen. Ist das tatsächlich geschehen? Nun, die Zahl afrikanischer Studenten in China übertreffe inzwischen diejenige afrikanischer Studenten in den USA, heißt es in einer vor kurzem veröffentlichten Analyse der »China-Africa Research Initiative« an der Johns Hopkins University School of Advanced International Studies in Washington. Allerdings sei es schwierig, die genaue Zahl an Menschen zu ermitteln, die an Fortbildungsprogrammen teilgenommen hätten.

Was man überprüfen könne, seien Beispiele, etwa die Tätigkeit des chinesischen Unternehmens »C&H Garments« in Ruanda. Ruanda will eine eigene Textilindustrie aufbauen, um sich industriell hochzuarbeiten, und es ist deshalb in einen Handelskrieg mit den USA geraten: Weil es Zölle auf den Import von Second-Hand-Kleidung verhängt hat, die – das behauptet Washington – USA-Gebrauchtwarenhändler schädigen, erhebt die Trump-Administration nun Strafzölle auf ruandische Textilien. »C&H Garments« hingegen greift Ruanda unter die Arme, produziert nicht nur dort, sondern hat inzwischen 1.500 Ruander ausgebildet, von denen sich einige nun selbständig machen konnten, um ihr Land dem Ziel, eine starke Textilindustrie aufzubauen, näherzubringen.

»China-Africa Research Initiative« hat eine Reihe weiterer Beispiele recherchiert und fügt an, auch chinesische Hightechunternehmen vermittelten ihr Know-how in Afrika: So habe etwa Huawei in Nairobi ein Ausbildungszentrum eröffnet, das auf »neue Technologien inklusive ›4G‹, ›IoT‹, Cloud computing« und ähnliches spezialisiert sei. Eine Win-win-Kooperation? Nun, man wird sehen.

Das FOCAC 2018 könnte, vermuten die Experten von der Johns Hopkins University, diese Entwicklung vorantreiben und neue Ausbildungsmaßnahmen und Stipendien für Bürger afrikanischer Staaten beschließen. Auch sei damit zu rechnen, daß die Teilnehmer des Treffens neue Schritte zur Förderung erneuerbarer Energien in die Wege leiteten; das ließen jedenfalls chinesische Ankündigungen auf dem BRICS-Gipfel im Juli in Johannesburg vermuten. Und es werde wohl neue Erklärungen im Zusammenhang mit Chinas Neuer Seidenstraße (»One Belt, One Road«, OBOR) geben. Das ist nicht unbedingt stringent, denn theoretisch sollen die neuen Transportkorridore – analog zur historischen Seidenstraße – aus China nach Europa führen, und dabei wären Umwege über Afrika nicht wirklich angesagt. Allerdings geht es Peking bei der Neuen Seidenstraße nicht darum, theoretischen Konzepten zu folgen, sondern pragmatisch Verkehrskorridore auszubauen, wo sie sinnvoll scheinen und Erfolg versprechen – und das tun sie auch in Afrika. Die neue Schienenverbindung aus der kenianischen Hafenstadt Mombasa nach Nairobi etwa, die die Fahrtzeit von 15 auf fünf Stunden verkürzt hat, wird offiziell als ein OBOR-Projekt verbucht. Weitere Vorschläge könnten folgen.

Militärkooperation

Die Zusammenarbeit zwischen China und den Staaten Afrikas bezieht inzwischen in wachsendem Maß auch Elemente einer klassischen Militärkooperation ein. Das FOCAC 2015 stellte dafür 60 Millionen US-Dollar zur Verfügung; Staatspräsident Xi Jinping erhöhte die Summe später auf 100 Millionen. Konkret geht es dabei erstens um die Ausrüstung der African Standby Force, einer von der Afrikanischen Union (AU) geführten Truppe, die in Konfliktfällen eingesetzt werden soll. Im Februar 2018 handelten Vertreter Chinas und der AU die Lieferung von Rüstungsmaterial im Wert von 25 Millionen US-Dollar für die AU-Logistikbasis in Kameruns Hafenmetropole Douala aus. Zweitens ist ein reger Austausch von Militärpersonal bei Konferenzen und Manövern eingeleitet worden. Drittens wollen die Volksrepublik und die Staaten Afrikas gemeinsam gegen Piraten vorgehen und an der Kontrolle wichtiger Seehandelsrouten arbeiten. Viertens ist beim FOCAC 2015 explizit betont worden, daß die Ursachen von Konflikten gewöhnlich in Armut und Unterentwicklung lägen und man dort ansetzen müsse, wenn man wirklich etwas verbessern wolle.

Vom FOCAC 2018 werden weitere Schritte zum Ausbau der Militärkooperation erwartet. Peking hat gleich mehrfach vorgelegt. So hat es im Juli 2017 eine Marineunterstützungsbasis in Dschibuti eröffnet – direkt am Bab Al-Mandab, der Meerenge zwischen dem Golf von Aden und dem Roten Meer, die faktisch die gesamte Seeschiffahrt zwischen Asien und Europa durchquert. China hat seinen Anteil an den Rüstungslieferungen nach Afrika laut Angaben von SIPRI von 8,6 Prozent im Zeitraum von 2008 bis 2012 auf 17 Prozent im Zeitraum von 2013 bis 2017 gesteigert. Und schließlich hat es Ende Juni bis Anfang Juli Repräsentanten von 50 afrikanischen Staaten zu einem ersten, zwei Wochen dauernden »China-Africa Defense and Security Forum« nach Peking geladen; neben der Debatte über »regionale Sicherheit« standen Besuche bei Einrichtungen der chinesischen Streitkräfte auf dem Programm. Mit Folgeveranstaltungen wird gerechnet.

China als Gläubiger in Afrika

Auf den FOCAC hat China regelmäßig in Aussicht gestellt, satte Entwicklungsdarlehen und Exportkredite für afrikanische Staaten bereitzustellen. Beim FOCAC 2015 summierten sich die Ankündigungen auf gewaltige 35 Milliarden US-Dollar; dieses Jahr dürften weitere folgen. Laut dem Urteil von Experten der »China-Africa Research Initiative« an der Johns Hopkins University School of Advanced International Studies in Washington handelt es sich nicht nur um hohle Phrasen – China hält seine diesbezüglichen Versprechungen weitgehend ein.

Nun sind Kredite natürlich hilfreich. Doch können die begünstigten Länder die Milliardensummen, die ihnen zur Verfügung gestellt wurden, auch zurückzahlen, oder geraten sie in die Schuldenfalle? Die Frage ist wichtig, auch wenn sie sich zur Zeit zum Lieblingsthema westlicher Politiker und Kommentatoren entwickelt, die China am Zeug flicken wollen und sich über jede Gelegenheit dazu freuen. Einer Antwort haben sich die erwähnten Forscher von der Johns Hopkins University anzunähern versucht. Sie sammeln seit vielen Jahren penibel Datenmaterial über Chinas Afrikaaktivitäten und haben schon so manchen Propagandamythos über die »gelbe Gefahr« genervt entlarvt. Die Situation in 17 Staaten Afrikas, die ernste Verschuldungsprobleme haben, haben sie untersucht.

Das Ergebnis: In acht dieser Staaten haben chinesische Kredite nichts mit den Schuldenproblemen zu tun – denn entweder sind sie sehr gering wie etwa in Kap Verde (weniger als zwei Prozent der Gesamtverschuldung), oder die Probleme sind selbst nach Einschätzung des IWF anderweitig verursacht, wie etwa im Südsudan, der im Bürgerkrieg versunken ist. In sechs Staaten spielen chinesische Kredite eine größere Rolle, etwa in Äthiopien und in Ghana; doch kann man Probleme dort nicht China allein in die Schuhe schieben, denn Äthiopien hat sich neben zwölf Milliarden US-Dollar in China weitere 17 Milliarden US-Dollar woanders geliehen, unter anderem bei der Weltbank, während Ghana in der Volksrepublik mit vier Milliarden US-Dollar in der Kreide steht, aber mit 21 Milliarden US-Dollar bei anderen Kreditgebern.

Eine dominierende Rolle spielen chinesische Kredite den Experten zufolge nur in Sambia, in Dschibuti und in der Republik Kongo (Brazzaville). Dort ist die Lage so nebulös, daß Premierminister Clement Monamba im Juli nach Peking reisen mußte, um herauszufinden, wie hoch die Verschuldung seines Landes ist; es sind wohl satte 7,1 Milliarden US-Dollar. Sambia schuldet China 6,4 Milliarden US-Dollar bei Außenständen von insgesamt 8,7 Milliarden; Dschibuti hat 77 Prozent seiner Darlehen in Peking aufgenommen. Die Frage, wie die Volksrepublik damit umgeht, wird wohl ein Prüfstein für ihre Süd-Süd-Kooperation.

Jörg Kronauer

Erste offizielle Gespräche von Chinas Premier Li Keqiang mit der Delegation aus Südafrika unter Leitung von Präsident Cyril Ramaphosa an Sonntag (Foto: EPA-EFE)

Montag 3. September 2018