Wie ich John Sydney McCain kennenlernte

Von dem jetzt verstorbenen Senator McCain erfuhr ich erstmals im Oktober 1967 während meiner Arbeit als Auslandskorrespondent für die Nachrichtenagentur ADN der DDR in Hanoi. Meine Frau Irene, Fotoreporterin, und ich berichteten über die barbarischen Luftangriffe, die die USA seit August 1964 gegen die Demokratische Republik Vietnam (Nordvietnam) führten, um deren Unterstützung für den Befreiungskampf im Süden gegen das dort von Washington mit einer halben Million Besatzungssoldaten errichtete Saigoner Marionettenregime zu verhindern.

Die US-amerikanischen Luftgangster stießen auf die mit Hilfe der Sowjetunion mit modernsten Flak- und Luftabwehrraketen aufgebaute Luftverteidigung der DRV. Ende des Monats Oktober berichteten Rundfunk, die Nachrichtenagentur Vietnam News Agency (VNA) und die Zeitungen mit Fotos und Personalangaben über 15 in den vorangegangenen Tagen nach Abschuß ihrer Maschinen gefangen genommene USA-Piloten. Unter ihnen befand sich der Marineflieger Major John Sydney McCain vom Flugzeugträger »USS Oriskany«, der am 26. Oktober 1967 mit seiner F4 »Phantom« über Hanoi vom Himmel geholt worden war.

John Sydney McCain war ein prominenter Offizier. Sein Großvater befehligte im Zweiten Weltkrieg die USA-Flugzeugträger im Pazifik und der Vater war Befehlshaber der USA-Flotte in Europa, beide dienten im Range eines Admirals. Der 31-jährige McCain hatte bis zu seinem Abschuß 23 Angriffe gegen Nordvietnam geflogen, hatte teilgenommen an einem barbarischen völkerrechtswidrigen, nicht erklärten Luftkrieg. Er folgte dem Befehl des Chefs des Strategic Air Comand, General Curtis LeMay, der angeordnet hatte, Vietnam »in die Steinzeit zurückzubomben«.

In meinem Tagebuch habe ich am 14. Oktober über einen furchtbaren Angriff auf das Zentrum von Hanoi notiert: In der Hue-Straße kamen 76 Menschen ums Leben, 151 wurden verletzt. Wir sahen ein völlig verwüstetes Wohngebiet, blutbefleckte Kleider, aus den Trümmern ragte ein Kinderwagen hervor, daneben zerfetzte Schulbücher. Von diesen Verbrechen, an den der »amerikanische Held« Major McCain beteiligt war, ist in den Nachrufen über ihn nichts zu finden.

Entgegen den Behauptungen in Washington, es gebe kaum Verluste, gab McCain zu, das Feuer der Luftabwehr sei, besonders über Hanoi, »sehr dicht und sehr präzise«, schrieb »Nhan Dan«. Die Aire Force verliere zehn und mehr Prozent ihrer Maschinen. Bei seinem letzten Einsatz – einem Angriff auf eine Wasserwerk bei Hanoi – habe er noch registriert, daß von 25 Maschinen, seine mitgerechnet, drei abgeschossen wurden. Der britische Konsul in Hanoi sagte mir einmal, das seien, verglichen mit den Abschüssen der Royal Air Force in der Luftschlacht über England gegen Görings Flieger, Ergebnisse, »die sich sehen lassen könnten«.

McCain gab keine militärischen Geheimnisse preis, bestätigte nur, was andere Piloten vor ihm schon gesagt hatten. Der Spitzenflieger Oberst Robin Olds hatte auf einer Pressekonferenz in Washington davor gewarnt, die nordvietnamesische Luftabwehr zu unterschätzen. Sie habe sich »enorm verstärkt, sowohl durch Flakfeuer als auch die sowjetischen Kampfflugzeuge vom Typ MiG und durch Boden-Luft-Raketen«. Zu letzteren sagte er ausdrücklich: »Es sind furchterregende Raketen«. Oberst Robinson Risner, ein »Flieger-As« aus dem Koreakrieg, der bereits am 16. September 1965 vom Himmel geschossen worden war, gab an, daß die Vietnamesen bei einem Angriff seines Geschwaders von 18 »Thunderchief« fünf abschossen. VNA hatte gemeldet, daß bis zum August 1967 bereits 2.194 Flugzeuge der Aggressoren abgeschossen worden waren.

Marineflieger McCain landete mit seinem Fallschirm im Wasser des Sees Truc Bach in Hanoi, brach sich Armee und Beine und wäre ertrunken, wenn ein Einwohner Hanois ihn nicht aus dem Wasser gezogen hätte. Sein Lebensretter war Mai Van On, der bereits am Befreiungskrieg gegen die Franzosen als Leutnant der Volksarmee teilgenommen hatte. Am Ufer half er McCain ein zweites Mal, denn nach einem eben erlebten schweren Bombenangriff auf die Hauptstadt war zu befürchten, daß wütende Hanoier gegenüber dem Piloten handgreiflich würden. Van On hielt sie zurück, eine Krankenschwester half ihm und leistete erste Hilfe. Kurze Zeit später kamen Soldaten und nahmen McCain in Gewahrsam.

Im Übrigen gab es in Vietnam, darunter auf Flugblättern, strenge Anweisungen über den Umgang mit abgeschossenen Piloten. Sie begannen damit, daß auf einen mit dem Fallschirm niedergehenden Flieger nicht geschossen werden durfte. »Der Pilot ist zu entwaffnen. Ist er verletzt, so ist ihm erste Hilfe zu gewähren. Der Gefangene ist in einem festen Haus unterzubringen, bis ihn Angehörige der Volksarmee übernehmen.« Es gab auch Hinweise in Englisch, so die Aufforderung »Hands up«, »Stop« oder »Surrender« (Ergib dich).

Im Rahmen der in Paris geführten Gespräche über die Beendigung des USA-Krieges begann die DRV mit der Freilassung der gefangenen US-Piloten. 1973 wurde John McCain entlassen. 1985 und auch später besuchte er Hanoi – ohne auch nur einmal nach seinem Lebensretter zu fragen. Erst im November 1996, er war inzwischen Senator von Arizona, traf er sich mit Van On und überreichte ihm eine »Erinnerungsmedaille« des USA-Kongresses.

Im Jahr 2000 bewarb sich McCain für die Partei der Republikaner um die Präsidentschaft. Die humane Rettungstat eines vietnamesischen Offiziers paßte nicht ins Konzept seiner rechtsgerichteten Wahlkampfreden. Und so behauptete er, die Nordvietnamesen hätten ihn gefoltert.

Gerhard Feldbauer

Der damalige Lieutenant Commander John McCain (M) wurde am 14. März 1973 in Hanoi aus der Gefangenschaft entlassen (Foto: AP/dpa)

Dienstag 28. August 2018