Der erste Deutsche im Weltall

»Sig«, der fliegende Vogtländer

Vor nunmehr 40 Jahren, am 26. August 1978, startete auf dem sowjetischen Weltraumbahnhof Baikonur in der kasachischen Steppe an Bord der sowjetischen Rakete »Sojus 31« der erste Deutsche ins Weltall: Sigmund Jähn, dem ersten und einzigen Fliegerkosmonauten der DDR, wurde die Ehre zuteil, als dritter nicht-sowjetischer Kosmonaut den Weltraum zu erobern. Vor ihm starteten im Rahmen des internationalen sowjetischen Forschungsprogramms »Interkosmos« am 2. März 1978 die Kosmonauten Vladimír Remek aus der Tschechoslowakei an Bord der »Sojus 28«, gefolgt vom Polen Miroslaw Herma­szewski am 27. Juni mit der »Sojus 30«.

Sigmund Jähn wurde am 13. Februar 1937 in Morgenrö­the-Rautenkranz im Vogtland geboren und absolvierte eine Lehre als Buchdrucker. Im Jahre 1955 begann »Sig«, wie ihn seine Mitschüler und Freunde nannten, seinen freiwilligen Wehrdienst bei der »VP-Luft«, dem Vorläufer der Luftstreitkräfte der Nationalen Volksarmee der DDR, und wurde als Offiziersschüler zum Flugzeugführer ausgebildet. Anschließend studierte er an der Militärakademie »J.A. Gagarin« in Monino bei Moskau und schloß das Studium als Diplom-Militärwissenschaftler ab.

Zuerst sollte Sigmund Jähn mit dem erfahrenen Kosmonauten Alexei Archipowitsch Leonow ins Weltall aufbrechen, startete aber am 26. August 1978 an Bord der »Sojus 31« zusammen mit dem Kosmonauten Waleri Fjodorowitsch Bykowski, der schon 1963 die erste Frau im Weltall, Walentina Wladimirowna Tereschkowa, in einem Tandemflug zweier »Wostok«-Kapseln begleitet hatte.

Bundesrepublikanischer Schock

Berlin, die Hauptstadt der DDR, hatte im Spätsommer 1978 nichts dem Zufall überlassen, erst recht nicht die mediale Verkündung des Erfolgs gegenüber dem Westen: Sigmund Jähn war am 26. August 1978 als erster Deutscher ins Weltall geflogen. Als der erste Deutsche im All erfolgreich zur Raumstation »Saljut 6« aufbrach, war dies ein Schock für die Bundesrepublik Deutschland. Niemand hatte es vor 40 Jahren für möglich gehalten, daß ausgerechnet ein Kosmonaut aus der DDR als erster Deutscher ins Weltall fliegen würde. Möglich machte dies das von der sowjetischen Raumfahrtbehörde nach der erfolgreichen Mondlandung der USA aufgelegte Programm »Interkosmos«, welches Mitte der siebziger Jahre in der UdSSR umgesetzt wurde. Das Programm ging einher mit dem sukzessiven Bau der ersten Raumstationen »Saljut«.

Zwischen 1978 und 1988 nahmen Interkosmonauten aus insgesamt zehn Partnerländern (Bulgarien, DDR, Kuba, Mongolei, Polen, Rumänien, Sowjetunion, Tschechoslowakei, Ungarn, Vietnam) des Interkosmos-Programms an bemannten Raumflügen der UdSSR teil. Moskau verfolgte damit verschiedene Ziele. Die hohen Kosten sollten durch Verteilung auf mehrere Länder gesenkt und die Partnerländer enger an die Sowjetunion gebunden werden. Außerdem wollte die Sowjetunion den USA bei internationalen Kooperationen zuvorkommen.

Die NASA hatte 1972 mit der Entwicklung des Space Shuttle begonnen und sah für Anfang der 80er Jahre die ersten Mitflüge westeuropäischer Astronauten vor. Erst 1983 flog der Westdeutsche Ulf Merbold als erster Ausländer mit den US-Amerikanern ins All.

Am 13. Juli 1976 hatte die UdSSR ihren beteiligten Partnerländern den Mitflug eigener Kosmonauten in »Sojus«-Raumschiffen zur Orbitalsta­tion »Saljut 6« angeboten. Die Deutsche Demokratische Republik schickte am 10. November 1976 vier Kandidaten ins Kosmonauten-Ausbildungszentrum des Sternenstädtchens bei Moskau, darunter auch Oberstleutnant Sigmund Jähn.

Die Kandidaten der Tschechoslowakei, der DDR und Polens nahmen bereits im Dezember 1976 das Training im Kosmonauten-Ausbildungszentrum »Juri Gagarin« bei Moskau auf. Wäre die Vergabe der Startreihenfolge nach der wissenschaftlich-technischen Exzellenz der Länder-Beiträge zu den sowjetischen Weltraumflügen gegangen, hätte der erste Mitflieger aus der DDR kommen müssen. Doch die Festlegung erfolgte in erster Linie unter politischen Aspekten. Zuerst startete zum zehnten Jahrestag des »Prager Frühlings« ein tschechoslowakischer Kosmonaut, der zweite kam, angesichts der aufkeimenden »Solidarnosc«-Bewegung, aus Polen. Der dritte Mann schließlich war DDR-Bürger.

Fast perfekter Flug

Am 25. November 1976 wurde Sigmund Jähn zusammen mit seinem späteren Double Eberhard Köllner für die Ausbildung zum Kosmonauten ausgewählt. Gemeinsam mit Wiktor Wassiljewitsch Gorbatko bildete Köllner die Ersatzmannschaft für das Duo Bykowski/Jähn. Beide nahmen am 4. Dezember 1976 das Basistraining auf, das sie ab Januar 1977 mit den ihnen zugewiesenen sowjetischen Kommandanten fortsetzten. Vom 22. August 1977 bis zum 9. August 1978 fand schließlich das raumflugspezifische Training statt.

Am 26. August 1978 startete der DDR-Bürger Sigmund Jähn um 15.51 Uhr Mitteleuropäischer Zeit in Baikonur und flog zusammen mit Kommandant Waleri Bykowski als Forschungskosmonaut an Bord des Raumschiffes »Sojus 31« zur Raumstation »Saljut 6«. Einen Tag später koppelte die Besatzung an die orbitale Station an. In der Station führte Jähn in einer knappen Woche insgesamt 25 Experimente aus den Bereichen Fernerkundung der Erde, Medizin, Biologie, Materialwissenschaften, Biologie, Psychologie, Raumflugtechnik und Geophysik durch. Bei der Erdfernerkundung kam auch die weltweit legendäre einmalige Multispektralkamera »MKF-6M« aus der DDR zum Einsatz.

Am 3. September 1978 kehrten Jähn und Bykowski nach 124 Erdumkreisungen und einer Flugdauer von sieben Tagen, 20 Stunden und 49 Minuten mit dem Raumschiff »Sojus 29« wieder zur Erde zurück und landeten recht unsanft und ruppig, um 12.40 Uhr MEZ in Kasachstan. Da die Kapsel am Fallschirm ein Stück durch die Steppe geschleift wurde und sich mehrfach überschlug, verletzte Jähn sich am Rücken.

»Sig«, der Himmelstürmer

Die Führung der DDR erhoffte sich von Jähns knapp achttägigem Flug einen erheblichen Prestigegewinn. Dem wirkte die bis zum Start geltende Geheimhaltung entgegen. Weder die Namen der Beteiligten, noch die Termine oder Daten durften genannt werden. Erst nach dem erfolgreichen Start berichteten die DDR-Medien über den »fliegenden Vogtländer«.

Die öffentliche Wirkung von Jähns Flug hatte die politische Führung richtig eingeschätzt. Der Jubel der Massen galt aber nicht ihnen, sondern dem sympathischen, bescheidenen und zurückhaltenden Vogtländer. Sigmund Jähns knapp achttägiger Weltraumaufenthalt stellt einen Höhepunkt in der Geschichte der Raumfahrt in der Deutschen Demokratischen Republik dar. Denn die Beiträge des östlichen Deutschlands zwischen 1945 und 1990 zur Raumfahrt sind vielfältiger. Und sogar noch darüber hinaus. Als die letzte »Interkosmos«-Rakete im Dezember 1993 abhob, war auf ihrer Nutzlastverkleidung noch – Ehre wem Ehre gebührt – die Flagge der nicht mehr existierenden DDR angebracht.

Nach seinem Flug wurde »Sig«, der Himmelsstürmer mit den Titeln »Held der DDR« und »Held der Sowjetunion« ausgezeichnet. Die sozialistische Welt feierte ihn als Helden, im neidischen Westen blieb sein Name lange Zeit unerwähnt. Dabei war er der erste Deutsche im All und der 90. Raumfahrer überhaupt.

Kürzlich konnte Sigmund Jähn seinen 80. Geburtstag in aller Bescheidenheit feiern. Er blieb der Raumfahrt treu und arbeitete nach dem Ende der DDR für die europäische Weltraumorganisation ESA und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) als Berater.

Pierre Buchholz

Sigmund Jähn und sein kubanischer Genosse, Fliegerkosmonaut Arnaldo Tamayo im Juli 2018 bei einer Autogrammstunde in Berlin (Foto: Gabriele Senft)

Freitag 24. August 2018