Unser Leitartikel:
Quo vadis F91?

Nachdem der F91 im Europapokal sensationell, das muß man ihm lassen, die Hürde Legia Warschau genommen und sich in die 4. Runde (Playoffs) der Europa League (vormals UEFA Cup) vorgearbeitet hat, dauerte es nicht sehr lange, bis sich der Mäzen der aktuell in Düdelingen stationierten Mannschaft meldete und die Entscheidungsträger der Stadt Düdelingen unter Druck zu setzen. Flavio Becca, der mittlerweile auch groß in den belgischen Klub Royal Excelsior Virton eingestiegen ist und dort versucht, Nationalspieler um sich zu scharen, ließ die Gemeindeväter wissen, daß er ihnen ein »Ultimatum« setze, obschon es offenbar eine Absprache gegeben hat, nach den Gemeindewahlen 2023 aktiv zu werden in Sachen Stadion-Neubau.

Das Verhalten des Mäzens zeigt erneut deutlich, daß es ihm kaum um den Standort Düdelingen geht. Vergleichbare Beispiele solchen Sonnenkönig-Verhaltens gibt es auch in den Nachbarländern zuhauf. Ihm ist es egal, wo seine, trotz Fußballschule zusammengekaufte Truppe ihre Heimspiele austrägt. Dieses Verhalten sowie das Benehmen des Klubs innerhalb der Gemeinde gegenüber anderen Sportvereinen hat über die Jahre dazu geführt, daß der Klub, insbesondere die 1. Mannschaft, wie ein Fremdkörper in der Stadt wirkt. Obwohl der Serienmeister aus der »Forge du Sud« dem Papier nach die Zuschauer in Scharen ins Nosbaum-Stadion locken müßte, verirren sich, außer zu Spitzenspielen, kaum mehr als 300 Menschen auf die Tribünen. Dies dürfte wohl nicht allein am Parkplatzmangel liegen, den es, wie Bürgermeister Dan Biancalana richtig feststellt, eigentlich gar nicht gibt. Aber der Zuschauerschnitt läßt spontan die Frage aufkommen, die man Anhängern der Nationalmannschaft bei jeder Gelegenheit vor den Kopf wirft: »Und dafür ein neues Stadion?«

Die Stadt Düdelingen nennt sich »Sportstad«. Vom Breiten- bis zum Hochleistungssport soll es Hand in Hand gehen und für jeden Platz sein. Nach dem Ausbau der Trainingsplätze »Aloyse Meyer« hieß es, daß auch andere Klubs das Recht auf Nutzung haben. Das Problem: Absprachen und Trainingszeiten sind manchen Verantwortlichen des F91 völlig schnuppe.
Wer nicht zur Handvoll großer Klubs gehört, mit denen sich Politiker fotografieren lassen können, hat einen schweren Stand in der »Sportstad«. Daß nicht jeder noch so kleine Klub ein eigenes Spielfeld haben kann, steht außer Frage – aber für viele, die nun schon lange auf eigene Infrastrukturen warten, wäre es sicher befremdlich, wenn der Mäzen des F91 nun mit den Fingern schnippt und der Schöffenrat liefert.

Die Diskussion um ein neues Stadion ist außerdem schon fast 25 Jahre alt. Damals wurde kurzsichtig, wie man heute weiß, entschieden, lediglich das Nosbaum-Stadion auszubauen. Hätte man seinerzeit das Stade Barozzi im Quartier Italien gewählt, wäre dies sicher mit Blick auf das neu entstehende Viertel und die Bahnanbindung die bessere Wahl gewesen.

Das größte Problem des F91 ist nicht ein neues Stadion. Das größte Problem ist, wie der Klub in Düdelingen und darüber hinaus wahrgenommen wird, und das ist größtenteils selbst verschuldet. Daran zu arbeiten, wäre wichtiger als ein neues Stadion. Trotz aller Kritik seien dennoch von dieser Stelle die Daumen gedrückt für das heutige Hinspiel gegen Cluj.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Mittwoch 22. August 2018