»Die Blaue Linie«

Zwischen dem Libanon und Israel kontrolliert die UNO seit 40 Jahren eine künstliche Trennlinie. Reportage aus dem Südlibanon

Ein Schild, das hoch über der Straße nach Maroun al Ras angebracht ist, zeigt an: »160 Kilometer bis Jerusalem«. Neben der Entfernungsangabe ist ein Bild der Al Aksa Moschee zu sehen. Für die Menschen hier ist Jerusalem die Hauptstadt Palästinas, das man nie aufgegeben hat.
Maroun al Ras, was frei übersetzt werden kann mit »Kopf des ehrbaren Mannes« liegt im Südlibanon in der Provinz Nabatiyah. Südlich des Ortes verläuft die »Blaue Linie«, mit der 1947 – im Zuge des UNO-Teilungsplans – der zukünftige Grenzverlauf zwischen dem Libanon und Israel markiert wurde. Doch bis heute ist es keine ordentliche Grenzmarkierung, denn der Libanon und Israel haben über diese Grenze nie eine Einigung erzielt.

Das Verhältnis zwischen dem Libanon und Israel war nie entspannt. Der Libanon stimmte – wie alle arabischen Staaten – 1947 gegen den UNO-Teilungsplan für Palästina. 1948 beteiligte er sich vergeblich mit einer eher symbolischen Zahl Soldaten an dem Krieg arabischer Staaten gegen Israel, um die Teilung Palästinas zu verhindern. Viele der Palästinenser, die 1948 aus ihren Dörfern um den Tiberias-See, aus Akra und Haifa vertrieben wurden, lebten fortan als Flüchtlinge im Libanon. Ihre Dörfer unmittelbar südlich der »Blauen Linie« blieben zerstört und verlassen zurück.

Der palästinensische Widerstand, der sich in Form der PLO im Libanon formierte und um Palästina kämpfte, war für Israel Grund für immer neue Angriffe auf den Zedernstaat. 1968 wurden der Flughafen von Beirut und alle dort geparkten Flugzeuge in Schutt und Asche bombardiert. Es folgten Überfälle und Besatzung in den Jahren 1978, 1982, 1993 und 1996.

Ein anderer Grund für die anhaltende Feindseligkeit war und ist bis heute das Wasser des Flusses Litani, das Israel kontrollieren will. Neu hinzugekommen ist nun der Streit über den Grenzverlauf im Mittelmeer, der die lukrativen Naturgasvorkommen vor der Küste der Levante aufteilt.

Bereits im März 1978 hatte der UNO-Sicherheitsrat die Resolution 425 angenommen, mit der Israel zum sofortigen Abzug aus dem Libanon aufgefordert wurde. Der erfolgte allerdings erst 22 Jahre später, im Juni 2000 unter dem Druck der Hisbollah. Seitdem markiert die »Blaue Linie« die Linie, hinter die sich die israelischen Truppen nach ihrem Abzug aus dem Libanon zurückgezogen haben.

An einigen Abschnitten der künstlichen Trennlinie hat Israel inzwischen begonnen, eine Mauer zu bauen. Auf libanesischer Seite ist sie über und über mit Graffiti bemalt und mit Bildern von Märtyrern beklebt.
Im Juli 2006 kam es zu einem erneuten israelischen Angriff auf den Libanon. Der Grund für den Krieg war nach israelischer Darstellung ein Grenzübertritt der Hisbollah, die eine Patrouille angegriffen und zwei israelische Soldaten entführt habe. Von Seiten des Libanon und der Hisbollah hieß es, die israelischen Soldaten hätten versucht, ein südlibanesisches Dorf zu infiltrieren und seien dabei festgenommen worden. Die Hisbollah hatte immer wieder israelische Soldaten entlang der »Blauen Linie« gefangen genommen, um Israel zur Freilassung von libanesischen Gefangenen in Israel zu drängen.

Nach der Gefangennahme der israelischen Soldaten war Maroun al Ras von der israelischen Artillerie zunächst mit schwerem Geschütz beschossen und dann von Truppen eingenommen worden. Die israelische Seite gab an, auf Beschuß von Seiten der Hisbollah auf die israelische Siedlung (Moshav) Avivim reagiert zu haben. Avivim hieß früher Saliha und war ein palästinensisches Dorf, das zunächst – nach dem Pariser Friedensabkommen 1920 – zum Libanon gehört hatte. Ende Oktober/Anfang November 1948 verübten Soldaten der neu gegründeten israelischen Armee ein Massaker, dem mindestens 70 Einwohner von Saliha zum Opfer fielen.

Im Juli 2006 nun hatte eine Gruppe israelischer Elitesoldaten den Auftrag erhalten, bei Maroun al Ras »Aufklärung« zu betreiben. Dabei gerieten sie unter Feuer einer gut ausgerüsteten, getarnten Verteidigungsanlage der Hisbollah. Was folgte, ging später als erste Bodenschlacht in die Geschichte des Libanon-Krieges im Juli/August 2006 ein. Phosphor- und Streubomben wurden von Israel eingesetzt. Bei einem Luftangriff auf den Ort Kana wurde ein mehrstöckiges Wohnhaus zerstört, in dem Dutzende Zivilisten Zuflucht gesucht hatten. Der Krieg dauerte 34 Tage. Auf libanesischer Seite starben 1.200 Menschen, darunter auch Kämpfer der Hisbollah und anderer Gruppen. Israel verlor 158 Menschen, etwa zwei Drittel von ihnen waren Soldaten. Der Krieg endete mit der UNO-Sicherheitsrats-Resolution 1701. Seitdem ist es entlang der »Blauen Linie« ruhig geblieben.

Im Krieg 2006 weitgehend zerstört, weist Maroun al Ras heute wieder eine intakte dörfliche Struktur und viele neue Gebäude auf. Der Ort liegt auf knapp 1.000 Meter Höhe, von hier hat man einen weiten Blick in die südlich gelegene fruchtbare Ebene des früheren Palästina. Umgekehrt kann man von dort auch hinauf sehen, und so haben viele Einheimische, auch wenn sie heute außerhalb des Libanon leben, dort »aus Prinzip neue und große Häuser gebaut«, sagt Hamza. »Sie wollen Israel zeigen, daß sie sich nicht einschüchtern lassen und nicht bereit sind zurückzuweichen, auch wenn 2006 alles zerstört wurde.« Hamza weiß, worüber er redet. Mit seinem Taxi bringt er das ganze Jahr hindurch im Ausland lebende Libanesen, Touristen und Journalisten nach Maroun al Ras.

In Maroun al Ras entstand nach dem Krieg ein Park. Gestiftet wurde der Park vom Iran, der viel zum Wiederaufbau des zerstören Südlibanon beitrug. Im Herzen des Parks steht eine Moschee, deren Kuppel an die Al Aksa Moschee erinnert. Von allen Grillplätzen und vor allem von dem hoch aufragenden Aussichtsturm hat man einen weiteren Blick auf das Land, das einst Palästina war und heute von israelischen Siedlern bebaut und bewohnt und von der israelischen Armee bewacht wird. Ein breiter Todesstreifen zieht sich in Ost-West-Richtung durch die Ebene, Stacheldraht auf beiden Seiten soll absichtliche oder versehentliche Übertritte verhindern.

Bratengeruch erfüllt die Luft, Rauchschwaden ziehen durch den Park, der von blühendem Oleander, von Jasmin und Rosen in ein Farbenmeer getaucht ist. Über allem wölbt sich der blaue Himmel, Familien sitzen zusammen, Freundinnen fotografieren sich gegenseitig, Kinder turnen herum, Musik erfüllt die Luft. Die Besucher genießen den Ausblick und die Nähe zu dem Land, das sie trotz Israel, trotz Sperranlage, trotz UNIFIL-Kontrollposten weiterhin als ihre Heimat betrachten. Man fotografiert sich mit der weiten Ebene im Hintergrund, sitzt stundenlang an den Grillplätzen, von wo man die israelischen Siedlungen sehen und von den Menschen dort auch gesehen werden kann. Jugendliche spielen Fußball auf einem Platz, der direkt oberhalb der Grenzanlage liegt, es gibt ein Wasserreservoir, einen Kletterpark und einen militärischen Trainingsparcours. Schwindelfreie können ihre Balancierkünste auf gespannten Seilen unter Beweis stellen.

Überwacht wird die »Blaue Linie« von der UNO-Übergangsmission für den Libanon (UNIFIL), die 1978 vom UNO-Sicherheitsrat eingesetzt wurde. Etwa 10.500 »Blauhelme« aus 41 Staaten sind im Einsatz, um die etwa 120 km lange Linie zu kontrollieren, die von Ras al Naqoura am Mittelmeer bis zum Ort Scheeba reicht, wo die Grenze zu Syrien verläuft. Zu der Mission gehören auch mehr als 850 Marinesoldaten, die der UNIFIL-Seestreitkraft angehören. Die nicht autorisierte Überschreitung der Linie – am Boden oder in der Luft – ist ein Verstoß gegen die Sicherheitsratsresolution 1701, mit der 2006 der bisher letzte Krieg zwischen Israel und dem Libanon beendet wurde. Seit 2011 allerdings, als der Krieg in Syrien begann, hat Israel Dutzende Male den libanesischen Luftraum verletzt, um Syrien anzugreifen. Proteste Libanons beim UNO-Sicherheitsrat werden von Israel ignoriert.

Das irische Kontingent der UNIFIL-Mission ist von Anfang an dabei. 336 Uniformierte hat die »Grüne Insel« aktuell im Libanon stationiert, darunter 17 Frauen. Auf einem Hügel bei Tireh sind die Iren gemeinsam mit Soldaten und Soldatinnen aus Estland und Finnland im »IRISHFINNBATT« stationiert. Die Basis liegt nur wenige Kilometer von Bint Jbeil entfernt, der »Hauptstadt des Widerstandes«, die dem letzten israelischen Angriff 2006 getrotzt hat.

Der Einsatzbereich umfaßt etwa 111 km², berichtet der diensthabende Kommandeur des Irischen Kontingents, Oberstleutnant Neil Nolan im Gespräch mit Journalisten. Die Blauhelme patrouillierten zu Fuß und in Fahrzeugen. In dem Gebiet gebe es elf schiitische, zwei christliche und ein gemischtes Dorf. Zudem seien rund 3.000 syrische Flüchtlinge in Wohnungen und Häusern untergebracht, sie seien Sunniten. Die meisten der Männer arbeiteten in der Landwirtschaft. Ja, es gebe immer wieder Spannungen, dennoch sei die Lage ruhig, fährt der Offizier fort. Alle seien sich bewußt, daß das Gebiet »sensibel« sei und sich die Dinge »sehr schnell ändern« könnten. Auf die Frage, ob es entlang der »Blauen Linie« Vorfälle gegeben habe, ob sie die Überflüge der israelischen Kampfjets registrierten, die Ziele in Syrien angriffen, antwortet Nolan diplomatisch: »Wir registrieren und berichten über jeden Vorfall, über alles was wir sehen und hören, Überflüge und Aktivitäten am Boden.«

Seit 1978 haben die Iren 47 ihrer Soldaten im Libanon verloren, daran erinnert ein Gedenkgarten, den Einwohner von Tibnin für die »Soldaten des Friedens« errichtet haben. Hier war das irische Kontingent früher stationiert. Auch belgische Soldaten, die ums Leben kamen, haben in der Gedenkstätte ihren letzten Frieden gefunden. Ob es der irische Unabhängigkeitskampf gegen die Briten ist oder die Tatsache, daß die Iren nie zu den Kolonialstaaten gehörten, die im Mittleren Osten ihre blutigen Spuren hinterlassen haben, wisse er nicht, sagt Kommandeur Nolan. Doch im Laufe der Jahre hätten sich zwischen Iren und Libanesen auch persönliche Beziehungen entwickelt.

Im Mai feierte man im »IRISHFINNBATT« das 40-jährige »Jubiläum« der UNO-Übergangsmission für den Libanon. Angesichts tief eingegrabener Standpunkte nördlich und südlich der »Blauen Linie« könnte die Mission weitere Jahrzehnte andauern.

Karin Leukefeld

Picknick über der Grenzanlage

Mittwoch 22. August 2018