Rückkehr des Marcos-Clans

Präsident der Philippinen spricht von Rücktritt und hätte Sohn des früheren Diktators gern als Nachfolger

Nach reichlich zweijähriger Amtszeit hat der vom philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte ausgerufene »Antidrogenkrieg« bereits über 10.000 Tote gefordert. Die Opfer, meist arme Schlucker aus städtischen Slums, wurden auf offener Straße buchstäblich exekutiert – von der Polizei oder Bürgerwehren mit Unterstützung beziehungsweise Duldung staatlicher Instanzen. Das übersteigt schon heute die Gesamtzahl sämtlicher Opfer von Menschenrechtsverletzungen während der Ära des von 1965 bis 1986 herrschenden Despoten Ferdinand E. Marcos und all seiner Nachfolger.

Bei seinem Amtsantritt am 30. Juni 2016 gelobte Duterte, die im Lande grassierende Korruption »mit Stumpf und Stiel auszurotten«. Anfang der vergangenen Woche nun zeigte sich der ansonsten draufgängerische Präsident ermattet und klagte öffentlich über die Allgegenwart von Korruption, die selbst in Regierungsstellen und staatliche Behörden präsent sei. Mehrere Regierungsangestellte und Armeeoffiziere wurden bereits gefeuert. Dann sattelte Duterte Mitte der Woche noch einen drauf und kündigte an, vor Ende seiner regulär bis Ende Juni 2022 laufenden Amtszeit zurücktreten zu wollen. Zur Bedingung machte er allerdings, daß dann nicht – wie von der Verfassung vorgeschrieben – die amtierende Vizepräsidentin, sondern »eine fähige Führungskraft wie beispielsweise Ferdinand ›Bongbong‹ Marcos Jr.« ihn beerben müsse.

Das war ein gezielter Affront gegen seine Gegner aus der Liberalen Partei seines Vorgängers Benigno S. Aquino III. Deren Kandidatin, Maria Leonor »Leni« Robredo, wurde bei der Präsidentschaftswahl im Mai 2016 zur Vizepräsidentin gewählt, mit einem Vorsprung von knapp 260.000 Stimmen vor »Bongbong« Marcos. Dieser hat seitdem beharrlich Front gegen angebliche Wahlfälschungen gemacht, woraufhin der Oberste Gerichtshof als letztinstanzliche Aufsichtsbehörde im April eine partielle Neuauszählung der Stimmen anordnete. Sollte das Gericht in Marcos’ Sinne entscheiden, wäre das politische Comeback des Marcos-Clans perfekt.

Auch nach dem Sturz des Marcos-Regimes im Februar 1986 konnten drei seiner engsten Verwandten in einflußreichen Positionen verbleiben. Die 1929 geborene Witwe des Diktators, Imelda Romuáldez Marcos, konnte bereits 1991 aus dem Luxus-Exil auf Hawaii nach Manila zurückkehren. Im Jahre 1995 wurde sie als Abgeordnete des ersten Distrikts ihrer Heimatprovinz Leyte in den Kongreß gewählt und kandidierte erfolglos 1992 und 1998 bei den Präsidentschaftswahlen.

Seit Ende Juni 2016 ist Frau Marcos erneut als Kongreßabgeordnete bestätigt worden. Im Unterhaus vertritt sie seit 2010 den zweiten Distrikt in Ilocos Norte, der Heimatprovinz ihres Mannes. Als Imelda 1996 – zehn Jahre nach dem Sturz ihres Gatten – von einem Reporterteam der BBC gefragt wurde, ob sie mit einem Vermögen von etwa sechs Milliarden US-Dollar noch immer die weltweit drittreichste Frau sei, antwortete die einstige First Lady wörtlich: »Ich weiß nicht, ob ich die Erste oder die Letzte bin. Die Marcos haben dem Land nichts genommen, sondern alles gegeben. (...) Ich bin eine Bettlerin; ich weiß nicht einmal, woher ich meine nächste Mahlzeit bekomme.«

Zwei der drei Marcos-Kinder traten beherzt in die Fußstapfen ihrer Eltern. Die 1955 geborene älteste Tochter Imee Marcos ist seit dem 30. Juni 2010 Gouverneurin von Ilocos Norte, während ihr zwei Jahre jüngerer Bruder, eben »Bongbong« Marcos, von 2010 bis 2016 dem Senat angehörte. Zuvor hatte er jene Posten inne, die heute seine Schwester beziehungsweise seine Mutter bekleiden.

Rainer Werning

Dutertes Favorit: Ferdinand »Bongbong« Marcos Jr. (Foto: AP/dpa)

Dienstag 21. August 2018