Nicht nur bei Gift und Abfall:

Die Menge macht es zum Problem

Aktuell rollt der Verkehr in Luxemburg wie er sollte, und das obwohl am Bau wieder gearbeitet wird und daher wieder mehr Menschen im Land sind. Das Phänomen wiederholt sich jedes Jahr, wird zur Kenntnis genommen, bis es Mitte September wieder Staus vom Himmel regnet. Zumindest wird so getan, als handle es sich um ein Naturphänomen, gegen das wir machtlos sind. Aufregung ist zwar erlaubt gegenüber Wetter und Staus, helfen tut‘s nicht, aber es entspannt und unterhält.

Abfall vermeiden …

Komisch ist angesichts dessen, wenn blitzartig Einverständnis hergestellt ist bei der Feststellung, der beste Abfall sei der, der erst gar nicht entsteht. Und tatsächlich sind in den letzten Jahren die verbrannten und deponierten Kilo-Mengen Abfall pro Kopf und Nase zurückgegangen im Land. Das obwohl den berühmten Konsumenten das zur Last gelegt wurde, begleitet von moralischen Aufrufen vom tollen Spruch, aussortieren werde billiger. So sind denn auch die Recyling-Mengen gestiegen, die exportiert werden. Wenn da beim Plastik ein Großteil im Ausland dann auch nur verbrannt wird, so ist das nicht unsere Sorge. Aber wen‘s interessiert: das etwas größere Österreich, das sein Recycling selbst besorgt, verbrennt 87% des in gelben Tonnen und Säcken separat gesammelten Plastiks. Doch das nur nebenbei.

Allerdings zeigt das Beispiel, daß Trennen allein nicht der Weisheit letzter Schluß ist beim Vermeiden von Abfall. Es bräuchte aber, um wirksam an der Quelle zu sein, einschränkende und zwingende Vorschriften an produzierende Betriebe, wie sinnvoll im konkreten Fall einzupacken ist. Da sich das profitmindernd auswirken kann (zum Beispiel wenn Mehrweg-Glasflaschen statt Plastikflaschen vorgeschrieben würden), unterbleibt sowas im real existierenden Kapitalismus, egal wie viel übers Plastik im Meer geklagt wird.

… Verkehr aber nicht?

So absurd das ist, muß es aber noch viel absurder erscheinen, daß noch niemand auf die Idee gekommen ist, statt Autobahnen zu verbreitern, Straßen zu bauen und öffentlichen Verkehr auszubauen, den anfallenden Verkehr zu reduzieren.

Mobilitätsbedürfnisse fallen ja nicht vom Himmel, sie werden geschaffen. Der erste Anlaß für viele zusätzliche Verkehrswege war das Trennen der Funktionen Arbeit, Wohnung, Einkauf, Kultur, Sport und Erholung in verschiedenen Ortsteilen anstatt kleinräumig vermischt nebeneinander. Vorbedingung dafür war nicht ein perfekt organisierter öffentlicher Verkehr, sondern ein Auto in jedem Haushalt, weswegen der Unfug sich in Luxemburg so richtig erst ab 1965 durchsetzte.

Daß die Funktionen wieder zusammengebracht werden müssen, um weniger Verkehr zu erzeugen, hat sich zwar bis zu den Sonntagsredenschreibern verschiedenster Politiker durchgesprochen, in die Praxis umgesetzt wurde es bislang nirgends, ganz besonders nicht im Gaspericher Bann.

Womit wir bei den Arbeitsplätzen angelangt sind, deren Zahl im Land seit einigen Jahren nahezu explosionsartig steigt, weshalb selbiges bei der Zahl der Grenzgänger stattfindet. Aktuell sind das bereits 192.520 (Statec-Zahl für Ende Juli), obwohl es Ende Dezember 2017 erst 187.356 waren. Die Gesamtzahl der Arbeitsplätze im Land (einschließlich der Freiberufler) stieg in derselben Zeit von 440.019 auf 449.276.

Allerdings sind auch immer mehr Landesbewohner auf dem Weg zur Arbeit in eine andere Gemeinde. Das hat mit der Überzentralisierung der Arbeitsplätze zu tun: 48% befinden sich in der Hauptstadtgemeinde, weitere 27% in den direkten Anrainer-Gemeinden, womit so 75% eng beieinander sind. Geht es nach den Parteien, die als Sektionen der bürgerlichen Einheitspartei im Hauptstadt-Schöffenrat und in der Regierung aktuell das Sagen haben, ändert sich daran bis 2035 nichts, was bedeutet daß weiterhin von 10.000 neuen Arbeitsplätzen im Land 4.800 in der Hauptstadt sein werden, 2.700 in den direkten Anrainer-Gemeinden und nur 2.500 im großen Rest des Landes.

Das ist grober Unfug und macht das Verkehrsproblem immer größer und damit auch mit finanziell tragbaren Mitteln unlösbar. Denn allein um die 5.164 zusätzlichen Grenzgänger aus den ersten sieben Monaten des Jahres 2018 zur Arbeit zu bringen, hätten vier zusätzlich auf die Gleise gestellte Züge in der Früh (und am Abend für zurück) nicht ausgereicht. Es ist aber ausgeschlossen, jedes Jahr neun zusätzliche Züge mehr fahren zu lassen angesichts eines bereits vollständig ausgelasteten Schienennetzes!

Wobei die zusätzlichen Grenzgänger dieses Jahres bereits nicht vor der Wahl standen, mit öffentlichen oder privaten Verkehrmitteln zum ergatterten Arbeitsplatz, der das Zahlen der Rechnungen am Ende des Monats möglich macht, zu fahren. Denn in Zug und Bus herrscht bereits das tolle Sardinenbüchsengefühl in der Zeit, wo es gilt zur Arbeit anzutanzen, sodaß etwa in einen Pendlerzug aus Frankreich, aus dem in Bettemburg 15 Leute aussteigen, trotzdem niemand einsteigen kann – zumindest außerhalb der Ferienzeit. Die Leute waren also gezwungen, mit ihren Autos die Staus zu vergrößern. Das macht die restriktive Stellplatzpolitik des Hauptstadt-Schöffenrats und dessen Druck auf die Nachbargemeinden, sich dem anzuschließen, umso absurder. Die Theorie, es kämen weniger Autos, wenn es weniger Parkplätze gibt, wird tagtäglich mit jedem neu eingestellten Grenzgänger Lügen gestraft. Autoteilen kann da keine realistische Lösung sein, genausowenig wie sechsspurige Autobahnen, weil sich die Stadteinfahrten nicht erweitern lassen. Das einzige Mittel, das hilft, ist Dezentralisierung der Arbeitsplätze im Land Richtung Grenze. Wir werden darauf zurückkommen!

jmj

Das der TER Lorraine nicht genug Rollmaterial hat, wird auf Triebzüge des TER Alsace auf der Strecke Nancy-Luxemburg zurückgegriffen

Montag 20. August 2018