Endlich wieder Ostfront

NATO-Großmanöver in Norwegen: Üben für den Krieg gegen Rußland. Deutsche Bundeswehr kommandiert »Speerspitze«

Es soll eine Kriegsübung der Superlative werden: Vom 25. Oktober bis 7. November will die NATO in Norwegen das Großmanöver »Trident Juncture 2018« abhalten. Mit mehr als 40.000 teilnehmenden Soldaten wird es das größte oder zweitgrößte NATO-Manöver seit 1990 sein. Die Bundeswehr stellt mit rund 8.000 Uniformierten eines der größten Kontingente. Beteiligt sind sämtliche NATO-Mitgliedstaaten plus die offiziell immer noch neutralen, informell freilich längst in das westliche Kriegsbündnis eingebundenen Staaten Finnland und Schweden.

Und: »Trident Juncture 2018« findet in einem der fünf NATO-Staaten statt, die eine Landgrenze mit Rußland haben. Wie das Kriegsbündnis mitteilte, liegt der Übung ein »Artikel-5-Szenario« zugrunde – die Annahme, so hat es US-amerikanische Admiral James G. Foggo erläutert, daß »die Souveränität des Verbündeten Norwegen verletzt« wird und die NATO darauf militärisch reagiert. Nach Lage der Dinge liefe dies auf einen Krieg gegen Rußland hinaus. Foggo ist Kommandeur des Joint Force Command in Neapel und wird das Manöver leiten.

Für die deutsche Bundeswehr hat das Manöver besondere Bedeutung, weil es der abschließende große Test für die NATO-»Speerspitze« des Jahres 2019 ist. Die »Speerspitze«, eine besonders schnell einsetzbare Eingreiftruppe (»Very High Readiness Joint Task Force«, VJTF) mit mittlerweile bis zu 8.000 Soldaten, wird im kommenden Jahr von der Bundeswehr geführt. Theoretisch soll sie überall auf der Welt operieren können; praktisch ist sie auf eine mögliche Eskalation des Machtkampfs gegen Rußland fokussiert. Das zeigt die Tatsache, daß die NATO in acht Staaten Ost- und Südosteuropas in größtmöglicher Nähe zur russischen Grenze Minihauptquartiere eingerichtet hat, die blitzschnelle Interventionen der VJTF ermöglichen sollen.

Entsprechend ihren Aufgaben in der VJTF wird die Bundeswehr mit 30 Kampfpanzern vom Typ »Leopard 2«, 75 Schützenpanzern der Modelle »Marder« und »Boxer« sowie zehn Panzerhaubitzen 2000 nach Norwegen reisen. »Trident Juncture« treibt die Zahl der deutschen Soldaten, die dieses Jahr an multinationalen Kriegsübungen teilnehmen, auf den Rekordwert von ungefähr 12.000, dreimal so viel wie 2017. Die Kosten für Berlin werden auf 90 Millionen Euro geschätzt. Und am 1. Januar 2019 übernehmen die deutschen Streitkräfte dann die Führung der VJTF, die im Falle eines Krieges mit Rußland als erste NATO-Einheit an die Front entsandt würde.

»Trident Juncture 2018« steht auch im Zusammenhang mit diversen anderen gegen Rußland gerichteten Großmanövern der NATO und ihrer Mitgliedstaaten. So ist im Juni in der Ostsee mit rund 5.000 Soldaten, darunter Einheiten der deutschen Marine, das Manöver »Baltops 2018« durchgeführt worden. Ebenfalls im Juni hat mit rund 18.000 Militärs, darunter ebenfalls deutsche, die Kriegsübung »Saber Strike 2018« stattgefunden. Beide Übungen zielten darauf ab, die Kriegsfähigkeit der NATO im Ostseeraum zu Lande, zu Wasser und in der Luft auszuweiten.
Im Juli gab es mit »Sea Breeze 2018« ein Manöver mit rund 3.000 Soldaten im Schwarzen Meer, Anfang August mit »Noble Partner 2018« eines mit ebenfalls gut 3.000 Teilnehmern – darunter Angehörigen der Bundeswehr – in Georgien. Anfang September werden sich deutsche Soldaten an dem USA-geführten Manöver »Rapid Trident 2018« beteiligen, das mit rund 2.300 Militärs in der Nähe der westukrainischen Stadt Lwow abgehalten werden soll.

Jörg Kronauer

Deutscher Soldat bei der Auftaktzeremonie zum NATO-Manöver »Noble Partner 2018« am 1. August in Georgien (Foto: EPA)

Montag 20. August 2018