Im Tiefflug

Luftfahrtkonzern Air France bekommt einen kanadischen Chef. Piloten kündigen zweiwöchigen Streik an

Dritter Akt der Komödie um die Besetzung des Chefsessels bei Air France-KLM: Gegen den Wunsch der Belegschaft will der Verwaltungsrat nun einen Nordamerikaner nach Paris holen. Ausgeguckt haben sich die Gremien den Kanadier Benjamin »Ben« Smith, gegenwärtig »Chief Operating Officer« und Nummer zwei der Gesellschaft Air Canada. Die Entscheidung für Smith fiel am Donnerstag während einer Telefonkonferenz der zuständigen Gremien in der französischen Hauptstadt. Philippe Evain, Gewerkschaftssprecher der Nationalen Pilotenvereinigung SNPL, zeigte sich am Mittwoch verwundert darüber, daß das Management offenbar nicht in der Lage sei, einen ernstzunehmenden europäischen Kandidaten zu finden. Im Fall der Wahl des Kanadiers sei mit einem Streik der Piloten bei Air France und KLM über zunächst zwei Wochen zu rechnen.

Dickster Stein des Anstoßes ist das offenbar bereits ausgehandelte Salär des künftigen Patrons. Wie französische und niederländische Zeitungen meldeten, soll Smith mit einem Jahresgehalt von 3,3 Millionen Euro ausgestattet werden. Damit würde er dreimal so viel Geld einstreichen wie sein Vorgänger Jean-Marc Janaillac. Der hatte das Unternehmen vor drei Monaten verlassen, weil die Belegschaft nach einem mehrwöchigen Streik seinen Sanierungsplan für den hoch verschuldeten Flugdienst abgelehnt hatte. Der seither andauernde Arbeitskampf kostete Air France nach eigenen Angaben bisher nahezu 350 Millionen Euro.

Auch deshalb war die Kandidatur des Kanadiers kritisiert worden. Während Bodenpersonal und Piloten seit Jahren einen Lohnstopp erdulden, um das Unternehmen aus der Schuldenzone zu fliegen, soll dem neuen Chef aus Übersee das geforderte Millionengehalt ohne weiteres gezahlt werden. Nicht nur das: Die Pilotenvereinigung traut dem Kanadier nicht zu, das europäische Geschäft ordentlich zu führen. Wie Evian der Tageszeitung »Le Parisien« sagte, sei »man dabei, den Amerikanern und Chinesen einen Gefallen zu tun«. Er sei »nicht sicher, daß man damit den französischen Interessen dient«. Evian: »Es ist vor allem der Auswahlprozeß, der uns Probleme macht. Wir haben den Eindruck, einige Kandidaten wurden nach ihren Lippenbekenntnisse ausgesucht. Andere junge Talente aus der Industrie, die den europäischen Markt kennen, wurden dagegen ohne rationale Begründung aussortiert.«

Piloten und Belegschaft hatten Präsident Emmanuel Macron aufgefordert, sich für einen französischen Bewerber auszusprechen. Wie die Wirtschaftszeitung »Les Echos« am Donnerstag vermutete, wollte Macron in dieser Angelegenheit allerdings nicht öffentlich und persönlich intervenieren, sondern im Hintergrund die Fäden ziehen. Der Staat hält bei Air France-KLM 14,3 Prozent der Anteile. Mit Smith haben sich die US-amerikanischen Shareholder durchgesetzt. Die USA-Gesellschaft Delta Airlines verfügt zwar über magere neun Prozent der Aktien, hat aber offenbar in dem seit drei Monaten dauernden Streit um das »richtige« Reformkonzept die Rolle des Moderators übernommen.

Die rund 80.000 Lohnabhängigen bei Air France wollen, daß für das Theaterstück nun endlich der Vorhang fällt. Angesichts der hohen, akzeptierten Gehaltsforderung des Kanadiers wollen sie sich mit einer Erhöhung ihrer Monatsbezüge unter vier Prozent nicht mehr zufriedengeben. Die Gewerkschaftsvertreter wollen darüber hinaus auch das gesamte bisherige Management verabschiedet sehen. Evian: »Air France braucht einen völligen Neuanfang. Die Scheidung von Direktion und Belegschaft ist längst vollzogen. Franck Terner, der Generaldirektor der AF-Verwaltung, hat uns nichts mehr zu sagen. Vor drei Monaten haben unsere Leute gesagt: Wir wollen diese Manager nicht mehr. Ihr Votum wurde mit der Favorisierung des in Frankreich völlig unbekannten Kandidaten Smith lächerlich gemacht.«

Hansgeorg Hermann

Auf dem Boden bleiben: Die Flugzeugkapitäne von Air France wollen die Arbeit niederlegen (Foto: AP/dpa)

Freitag 17. August 2018