»Maroder Zustand«

Beim Zusammensturz der Autobahnbrücke bei Genua stürzten über 30 Fahrzeuge in die Tiefe

Der Einsturz einer vierspurigen Autobahnbrücke der Autostrada per Italia, der A 10 bei der Hafenstadt Genua an der ligurischen Küste, wichtigster Verkehrsknotenpunkt aus Südfrankreich nach Italien, am Dienstag kurz vor 11.30 Uhr sorgt für Schlagzeilen und füllt Seiten in den italienischen Medien. Die Katastrophe ereignete sich während eines schweren Unwetters. Zeugen berichteten, daß ein Blitz eingeschlagen sei. Experten schließen jedoch aus, daß das den Einsturz ausgelöst haben könnte. Die Nachrichtenagentur ANSA führte ein »strukturelles Versagen« an. Das Bauwerk aus den 60er Jahren habe sich in einem »maroden Zustand« befunden. Die römische »La Repubblica« erwähnt eine bereits 2009 verfaßte Expertenstudie »La Gronda di Genova«, in der eine »Abbruchhypothese« untersucht worden sei. Es sei auf die Risiken der Verkehrssicherheit verwiesen worden, daß der Verkehr über die Ponte Morandi in den zurückliegenden 30 Jahren sich vervierfachte und auf 25,5 Millionen Durchfahrten pro Jahr anwuchs. Bis 2040 wurde nochmals ein Anwachsen um 30 Prozent prognostiziert.

Auf dem Brückenabschnitt befanden sich zum Zeitpunkt der Katastrophe 30-35 Pkw und drei schwere Fahrzeuge, die von dem etwa 100 Meter langen einstürzenden Abschnitt über 40 Meter in die Tiefe des Flusses Polcevera (Wildbach) und die via Fillak im Stadtteil Sanpierdarena stürzten. Nach bisherigen Angaben des Innenministeriums kamen 39 Menschen ums Leben, darunter drei Kinder, 16 wurden verletzt. Mehrere Menschen wurden in den Trümmern regelrecht zerquetscht.

Die Morandi-Brücke (nach dem Projektanten und leitenden Ingenieur Riccardo Morandi benannt), auch als Polcevera-Viadukt bekannt, wurde von den Italienern auch gern ihre »Brooklyn Bridge« genannt, weil sie ihr eine gewisse Ähnlichkeit mit der berühmten Brücke in New York nachsagten. Sie ist 1.182 Meter lang, 45 Meter hoch und ruht auf drei Stahlbetonpfeilern von 90 Meter Höhe. Sie überquert unter anderem Gleisanlagen und ein Gewerbegebiet, darunter einen Teil des Lagers der Amiu-Umweltgesellschaft von Genua und Gebäude der Ansaldo Energia, die Energie-Produktionsanlagen herstellt. Da sich die Belegschaften derzeit in Urlaub befinden, gab es dort keine Opfer. Die Polizei ließ wegen weiterer Einsturzgefahr in der Nähe aus mehreren Häusern etwa 440 Bewohner evakuieren.

Premierminister Conte und seine Stellvertreter, Innenminister Salvini (Lega) und Wirtschaftsminister Di Maio (M5S), die sich nach Genua begaben, kündigten eine »umfassende Untersuchung der Ursachen«, die zu der Katastrophe führten, an. Die dazu eingesetzte Kommission soll ein Sonderkommissar leiten. Es wurde bereits beschlossen, die Brücke nicht wieder aufzubauen. »La Repubblica« zitiert in diesem Zusammenhang den Professor für Stahlbetonbau Antonio Brencich an der Universität von Genua, der schon vor zwei Jahren dafür plädierte, die Brücke abzureißen, weil die Kosten der ständigen Instandhaltung (»Tiefenpflege«) in einigen Jahren die eines Wiederaufbaus übersteigen würden.

Andere Medien zitieren den Architekten Diego Zoppi, aus Genua, Mitglied des National Council of Architects, der äußerte, daß beim Bau der Brückenpfeiler aus Stahlbeton seinerzeit nicht berücksichtigt worden sei, »daß der Beton sich verändert, daß der Zement mit den ständigen Vibrationen des Verkehrs mikroskopiert und Luft durchläßt, die die innere Metallstruktur erreicht und oxidiert«. Man habe damals jedoch unbegrenztes Vertrauen in Stahlbeton gehabt, der »ewig« halten würde. Die Brücke habe »aus diesem Grund immer große Wartungsarbeiten erfordert und war sehr teuer«. Diego Zoppi ergänzte, daß das Anlaß sein müsse, die in Italien in den 50er und 60er Jahren gebauten Brücken dringend zu sanieren. Laut »La Repubblica« sind »rund 300 Brücken und Tunnel marode«. Grund dafür seien die veraltete Infrastruktur und die lückenhafte Instandhaltung.

Wenn Vizepremier Salvini ankündigte, »die Verantwortlichen würden alle im Gefängnis landen«, so vergesse er wohl, vermerken Beobachter, daß 2009, als der Abriß der Brücke gefordert wurde, seine Lega-Partei in der Regierung Berlusconi (von 2008-2011) saß und damit zu den Hauptverantwortlichen zählt.

Die Leitung der Italienischen Kommunistischen Partei (PCI) forderte auf ihrer Website, die erste Schlußfolgerung müsse sein, dem Profitstreben der privaten Autobahnbetreiber einen Riegel vorzuschieben und alle Autobahnen »sofort zu nationalisieren«. Politische Beobachter verweisen auch darauf, daß Italien Jahr für Jahr große Summen für Rüstung und Krieg verpulvert, während für dringende Aufgaben im sozialen Bereich und in der Infrastruktur kein Geld vorhanden sei.

Gerhard Feldbauer

(Foto: ANSA/EPA-EFE)

Donnerstag 16. August 2018