Kein Ferragosto für alle

Carlo Paoloni und seine Frau im bella Napoli haben keinen Grund zum Feiern – wie Millionen der Armen in Italien

Der Ferragosto am 15. August ist für die Italiener einer der wichtigsten Feiertage. Mit Temperaturen vor allem im Süden von über 40 Grad gilt er als der heißeste Tag des Jahres und läutet die Sommerwende ein. Die meisten Italiener nehmen ihren gesamten Jahresurlaub rund um diesen Tag, und wer es sich leisten kann, fährt vor allem ans Meer. An den kilometerlangen Stränden der Adria reihen sich dann die Sonnenliegen dicht aneinander.
Der Ferragosto geht auf den ersten römischen Kaiser Augustus zurück, der nach seinen Siegen über Marcus Antonius und Kleopatra in Ägypten im Jahr 29 vor unserer Zeitrechnung vom 13. bis 15. August Triumphfeiern, »feriae Augusti«, anordnete. Davon ist der 15. August verblieben, der nach der Einführung des Christentums zum Feiertag der Mariä Himmelfahrt wurde. Er ist auch heute noch der Mittelpunkt einer wie staatlich verordneten Ferienzeit. Fast das gesamte wirtschaftliche Leben kommt zum Stillstand, die Geschäfte schließen, in den Behörden wird Urlaub angeordnet und die Werksferien der großen Unternehmen werden in diese Zeit verlegt. Die italienischen Schüler haben nur einmal im Jahr Ferien, dafür aber richtig lange: Von Ende Juni bis Anfang September.
Ich habe Carlo Paoloni aus Ercolano bei Neapel gefragt, wie er den Ferragosto verbringen wird. Bis vor kurzem arbeitete er in einer Druckerei, die in Konkurs ging. Eine neue reguläre Arbeit hat der 61-Jährige nicht gefunden. Er schlägt sich mit einem Gelegenheitsjob für 25 bis 30 Euro täglich durch und kommt derzeit auf etwa 360 Euro im Monat. Seine Frau verdient als »Putze« sechs Euro die Stunde, da kommen nochmal 250 Euro monatlich dazu. Gesundheitlich steht es für beide nicht zum Besten, selbst für Medikamente fehlt jetzt schon das Geld. An eine Kur, die ihnen der Arzt dringend empfiehlt, ist nicht zu denken.

Als erstes sind sie aus dem Zentrum ins Randgebiet nach Ercolano etwa acht Kilometer südlich in eine billige kleine Zwei-Zimmerwohnung umgezogen. Mit Nebenkosten zahlen sie 250 bis 300 Euro. Sie haben Glück, Bekannte haben sie ihnen so »billig« besorgt. Sie haben eine Tochter und einen Sohn, die einigermaßen zurechtkommen. Zum täglichen Leben, für Lebensmittel, die Ausgaben für Strom, Fernsehen, eine Busfahrt und was man sonst noch braucht, bleiben ihnen vielleicht 300 Euro im Monat. Wenn der Sohn ihnen nicht etwas helfen würde, wüßten sie manchmal nicht, wie es weitergehen soll. Und mit Sorge sehen sie in die Zukunft. Denn außer in einer kurzen Übergangszeit gibt es in Italien kein Arbeitslosengeld oder eine Sozialhilfe.

Ferragosto, »ci siamo struccati«, das haben wir uns also abgeschminkt, sagt Carlo Paoloni. Der war schon früher – und das auch nicht jedes Jahr – auf drei bis vier Tage, maximal mal eine Woche in einer einfachen Pension oder einer kleinen Ferienwohnung begrenzt. Manchmal haben sie sich eine mit Freunden geteilt. Jetzt ist das unerschwinglich geworden, denn Ersparnisse besitzen sie nicht.

Carlo berichtet von einer Familie mit zwei Kindern, die dieses Jahr für eine Woche am Meer in einer mittleren Pension mit Verpflegung, für Benutzung der Strandanlagen mit Sonnenschirmen, Liegestühlen, der Kinderspielplätze, und ein bis zwei touristische Ausflüge 3.742 Euro bezahlte – nicht eingeschlossen die Fahrtkosten mit dem Auto. Das ist etwa das Dreifache des Monatslohnes eines Arbeiters. Dabei haben sie frühzeitig gebucht, denn im August steigen die Preise oft auf das Zwei- bis Dreifache an.

Sie hoffen, am Ferragosto vielleicht am Lido einen Platz zu finden, sagt Carlo Paoloni. Laut Gesetz muß an einigen Stellen der Zugang kostenlos gewährt werden. Aber daran hält sich niemand, und es wird Eintritt kassiert.

So wie Carlo Paoloni geht es Millionen der Ärmsten in bella Italia. Und vielen noch schlimmer. Laut einem Bericht des Statistischen Amtes ISTAT lebten Ende 2016 von 60,6 Millionen Einwohnern rund 15 Millionen in bitterer Armut. Besonders schlimm ist die Lage der Rentner: 7,6 Millionen (45 Prozent) müssen mit weniger als 1.000 Euro im Monat, 2,4 Millionen (14,4 Prozent) sogar mit weniger als 500 Euro über die Runden kommen. Die »Jobs act« genannte »Arbeitsmarktreform« der Regierung des Partito Democratico (PD) unter Premier Matteo Renzi, die den Kündigungsschutz beseitigte, hat das Arbeitslosenheer auf 10,9 Prozent anwachsen lassen, darunter bei Jugendlichen von 15 bis 24 Jahren auf derzeit 31,7 Prozent, bei jungen Menschen von 25 bis 34 Jahren auf 16 Prozent. Die 2017 auf 25 Prozent erhöhte Mehrwertsteuer hat die Kosten für die Lebenshaltung weiter in die Höhe getrieben.

Das traurigste Kapitel in diesem Elend ist die Lage der Kinder und Jugendlichen. Laut ISTAT lebten 1,3 Millionen von ihnen (12,5 Prozent) 2016 in absoluter Armut. Mehr als 50 Prozent lesen keine Bücher, fast jeder Dritte kennt das Internet nicht aus persönlichem Erleben, und mehr als 40 Prozent können keinen Sport treiben, weil sie den Eintritt in die Vereine oder auch die oft teure Kleidung, wie zum Beispiel für Fußballer, nicht bezahlen können. Es gibt für sie, so ISTAT weiter, keine Bildungsmöglichkeiten und - räume für sportliche, künstlerische und kulturelle Aktivitäten.

Gar nicht zu reden von den Hunderttausenden Migranten, denen – von dem dafür fehlenden Geld abgesehen – jetzt im Rahmen der von der Regierung der Lega/M5S angestachelten rassistischen Hetze ohnehin schon der Zugang zu diesen Aktivitäten verweigert wird. Und einen Ferragosto gibt es natürlich für sie auch nicht.

Gerhard Feldbauer

Auch nicht für alle erschwinglich: Der neuen Stadtstrand von Rom, »Tiberis – la Spiaggia di Roma« (Foto: AP/dpa)

Montag 13. August 2018