Wankender Riese

Der Luftfahrtkonzern Air France ist weiterhin ohne Chef. Neue Streiks für September angekündigt

Die Belegschaft des französischen Luftfahrtgesellschaft Air France hat für September neue Streiks angekündigt. Seit Monaten ist das Unternehmen führerlos und riskiert die wirtschaftliche Havarie. Jean-Marc Janaillac, Präsident der Holding Air France-KLM, war am 4. Mai zurückgetreten, nachdem die Mehrheit der rund 80.000 Lohnbezieher seinen Plan zur Sanierung des Betriebs abgelehnt hatte. Zwar ernannte der Verwaltungsrat bereits zehn Tage nach Janaillacs Rückzug die ehemalige Verlegerin Anne-Marie Courderc zur Interims-Chefin, gab ihr allerdings kein Mandat für Verhandlungen mit Betriebsräten und Gewerkschaften.

Der Streik, den zunächst die Piloten des Konzerns im Frühjahr losgetreten und dem sich danach alle Sparten der Gruppe angeschlossen hatten, kostete das Unternehmen nach eigenen Angaben bisher rund 355 Millionen Euro. Mit einem Umsatz von 25 Milliarden Euro ist Air France, an der der Staat Frankreich 14,3 Prozent der Aktien hält, einer der wichtigsten Betriebe des Landes. Unter den französischen Farben Blau-Weiß-Rot hat die Gesellschaft 540 Flugzeuge auf knapp 200 Destinationen im Einsatz.

Ende Juni hatte das Management, wohl auch auf Druck des Staatschefs Emmanuel Macron, einen Nachfolger für Janaillac präsentiert. Doch der bereitstehende Philippe Capron, vorher Finanzchef bei dem Wasser- und Energieversorger Veolia, fand offenbar nicht die Zustimmung der Gremien und zog seine Kandidatur wenig später zurück. Seither sind die verbliebenen Verantwortlichen fieberhaft auf der Suche. Die Pariser Tageszeitung »Libération« nannte in der vergangenen Woche die Namen zweier Kandidaten, die wohl in Abstimmung mit der politischen Führung des Landes ermittelt worden waren.

Wunschkandidat des Präsidenten ist angeblich der 57 Jahre alte Denis Olivennes, wie Macron Absolvent der Kaderschmiede ENA und derzeit Dirigent der multinationalen Medienholding des Oligarchen und Milliardärs Arnaud Lagardère. Olivennes war in den 90er Jahren unter dem damaligen Air-France-Chef Christian Blanc bereits Vizepräsident der Gesellschaft. Auch der zweite Kandidat, Pascal de Izaguirre, ist im Unternehmen bereits bekannt und gegenwärtig Leiter der Tochtergesellschaft Corsair, einem der zahlreichen Billigflieger der Gruppe.

Für einen dritten, bisher namenlosen Kandidaten wirbt der US-amerikanische Aktionär Delta Airlines, der neun Prozent der Anteile bei Air France-KLM hält. Wie »Libération« meldete, seien die Verhandlungen mit einem Kader des USA-Kapitals allerdings zunächst an der Gehaltsfrage gescheitert. Bei Air France sollte der neue Boß, Mann oder Frau, nicht mehr als sein Vorgänger einstreichen dürfen – nämlich für US-amerikanische Verhältnisse magere 1,2 Millionen Euro pro Jahr, inklusive Boni. Das sei »ein Klacks«, zitierte die Zeitung einen ungenannten Sprecher des Unternehmens, »in einem Metier, in dem andere Bosse zwischen 4,5 und 16 Millionen Euro pro Jahr einstecken«. Der Verwaltungsrat hat dieses Hindernis inzwischen ausgeräumt und das Angebot verdoppelt: Dem neuen Chef winkt nun ein Jahresgehalt von 2,5 Millionen Euro.

Eine Steilvorlage für Belegschaft und Gewerkschaften, die jetzt ebenfalls einen Aufschlag fordern. Mit weniger als vier Prozent Lohnerhöhung wollen sich die Beschäftigten nicht mehr zufriedengeben – zumal sie ursprünglich sechs Prozent gefordert hatten. Warten wollen sie allerdings wenigstens auf das Ende der Ferien, um die Tausenden Urlauber Anfang September wieder zurück an die Arbeitsplätze des Landes zu bringen.

Unzufrieden mit der Entwicklung ist offenbar der holländische Partner KLM. Die Niederländer unter ihrem Chef Pieter Elbers wiesen darauf hin, daß die Erträge bei KLM im ersten Quartal 2018 viermal so hoch gewesen seien wie die der Franzosen, die gegenüber dem Vorjahr schwere Verluste hätten hinnehmen müssen. Der neue Boß der Gruppe Air France-KLM müsse daher vor allem die Lohnkosten drücken. Das wird gegen die Belegschaft kaum zu verwirklichen sein – die hat nach einer sieben Jahre lang ertragenen Blockade aller Lohnerhöhungen die Nase voll.

Hansgeorg Hermann

(Foto: dpa)

Montag 6. August 2018