Nachrichten aus dem Kaffeehaus

Griechische Medien sind politische Waffe und Spielball der herrschenden Oligarchen

Was im griechischen Fernsehen täglich gezeigt wird, entspricht in etwa dem, was auch die meisten Druckmedien bieten: Mist. Die großen Sender, ob öffentlich oder privat, werden von einem Dutzend steinreicher Familien genutzt, die Tagespolitik der jeweiligen Regierung – in der die Oligarchen ihre Leute unterbringen – zu beeinflussen und aus dem Hintergrund zu steuern. Übrig bleiben für eine intellektuell einigermaßen zufriedenstellende Berichterstattung und Dokumentationsarbeit eine Handvoll Zeitungen. An erster Stelle muß die »Efimirida ton syntakton« genannt werden – die »Zeitung der Redakteure« – die 2012 aus der linksliberalen »Eleftherotypia« hervorging und trotz der geringen Auflage von 7.000 bis 10.000 Druckexemplaren politisch einflußreicher ist als alte Flaggschiffe des Großbürgertums wie »Ta Nea« oder »To Vima«.

Auf der Insel Kreta, am Südrand der Weißen Berge – griechisch Lefka Ori –, liegt auf einer steilen Felsklippe, hoch oben auf 800 Metern Höhe, das Dorf Agios Ioannis. Heute leben rund 20 Menschen dort, bis vor zwanzig Jahren gab es keine Straße, keinen elektrischen Strom und keine Telefonverbindung. Eines der schlichten Häuser gehört immer noch der Familie Vardinogiannis. Sie verließ nach dem Krieg die Insel und schaffte es mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln bis in die oberen Ränge der griechischen Gesellschaft. Ihr Geschäftsbereich: Schiffahrt, Erdöl und Medien. Vardis Vardinogiannis, der 84-jährige Patriarch, steht hinter großen Infrastrukturprojekten auf Kreta.

Seit vielen Jahren bestimmen Milliardäre wie die Vardinogiannis die wirtschaftliche und, noch wichtiger, die politische Linie in einem der wichtigsten Fernsehkanäle, dem Sender »Mega TV«. Neben dem ehemaligen Journalisten und Moderator Stavros Psycharis, der Galionsfigur, sitzen die Bauunternehmer Fotis Bobolas und sein Vater Georgios im Vorstand. Verdient hat der Senior sein Geld in den phantastischen Jahren vor den Olympischen Spielen 2004 in Athen, als der Beton reichlich floß und dem Gewerbe Milliardengewinne eintrug. Dritter Mann im Bunde ist der nun 56 jährige Giannis Vardinogiannis, der älteste Sohn von Vardis. Er brachte in den Sender altes Tankergeld aus einer Zeit mit ein, in der auch andere griechische Großreeder ihr Vermögen als Erdöllieferanten und damit Embargobrecher machten – unter anderem nach Südafrika.

Für Leute wie Bobolas, Vardinogiannis oder auch andere Oligarchen wie Giannis Alafouzos oder Spiros Latsis sind die Medienbeteiligungen reine Abschreibungsobjekte. Ihr Hauptgeschäft der Frachtschiffahrt ist bis heute sowieso steuerfrei. Und weil sie im steuerlichen Exil in der Schweiz sitzen, kann ihnen auch ansonsten der Staat, gegenwärtig durch den wankelmütigen Alexis Tsipras und seine zerfallende »linke« Partei Syriza vertreten, kaum an den Geldbeutel. Nur der Reeder Philip Niarchos hat sich einen dem Fiskus zugänglichen Wohnort gewählt: In Paris verwaltet er das Milliardenvermögen seines Vaters Stavros und kümmert sich ansonsten um Kunst und Kultur. Der griechische Staat schenkte ihm vor zehn Jahren ein Riesenareal am Südrand von Athen, das Teil des olympischen Geländes im Jahr 2004 war. Hier entstand mitten in der griechischen Armutskrise das 650 Millionen Euro teure, vom italienischen Stararchitekten Renzo Piano entworfene »Niarchos Foundation Cultural Center« mit Nationaloper und Nationalbibliothek.

Was den Griechen neben einem wirtschaftlich schwer zu stemmenden Opernbesuch bleibt, ist die alte Kaffeehausmentalität. In den Tausenden Kafenions des Landes sind die Nachrichten, ob politischer oder kultureller Natur, frischer und besser als in jeder noch so aufgeblasenen Fernsehschau mit salbadernden Größen aus Regierung, Verwaltung und Kirche.

Hansgeorg Hermann

(Foto: EPA)

Donnerstag 2. August 2018