Der neue Respekt

Neue, linke Medien wollen liberalem und konservativem Establishment Britanniens das Leben schwer machen

Seit 2015 strahlt der britische Fernsehsender ITV die Sendung »Good Morning Britain« aus. Jeden Morgen schreien sich wochentags in aller Frühe vier Menschen in einem Fernsehstudio an – verkauft wird das als politische Debatte. Am 12. Juli war die junge muslimische Journalistin und Geisteswissenschaftlerin Ash Sarkar in ihrer Rolle als Mitorganisatorin der Massenproteste gegen den Besuch von USA-Präsident Donald Trump zu Gast.

Moderator Piers Morgan hatte keinerlei Interesse daran, sie zu Wort kommen zu lassen. Statt dessen behauptete er wiederholt, Sarkar sei eine Unterstützerin des ehemaligen USA-Präsidenten Barack Obama. Irgendwann platzte es aus der sichtlich genervten Aktivistin heraus: »Er ist nicht mein Held, ich bin eine Kommunistin, du Idiot!«

Der Spruch ist inzwischen zu einem unter Jugendlichen beliebten T-Shirt-Motiv und Demonstrationsplakat geworden. Plötzlich wird in der Bastion des bürgerlichen Journalismus BBC zur Mittagszeit in der Sendung »Daily Politics« über Kommunismus diskutiert. Eingeladen wurde Sarkars Kollege Aaron Bastani – sie machen gemeinsam die linke Website »Novara Media«. 2011 gegründet, ist es eine von einem rund halben Dutzend verschiedenen Internetplattformen, die seit dem Amtsantritt von Jeremy Corbyn als Parteivorsitzender der Labour-Partei im Jahr 2015 immer mehr an Bedeutung gewonnen haben. Sie geben einer neuen Generation junger, linker Intellektueller das Wort – der Mainstream-Journalismus hatte ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Dieser hat vor den neuen Plattformen mittlerweile Respekt entwickelt. Am 27. September 2017 schrieb Nick Robinson, der frühere Chef der Politikredaktion der BBC, einen Kommentar für die Tageszeitung »The Guardian«, in dem er bedauerte, daß »wir Reporter« in den Augen der neuen linken Medien »bestenfalls Feiglinge sind, die dem Diktat der Bosse oder der Regierung folgen, oder schlimmer noch, voreingenommen und parteiisch sind«.

Bei den britischen Unterhauswahlen im vergangenen Jahr wählten 62 Prozent der 18- bis 24-jährigen und 56 Prozent der 25- bis 34-jährigen teilnehmenden Stimmberechtigten die Labour-Partei und Corbyns linkskeynsianisches Programm. Auf diese Gruppen stützen sich Plattformen wie »Novara Media« oder das eher boulevardjournalistisch auftretende Pro-Corbyn Nachrichtenportal »Evolve Politics«. Während des Parlamentswahlkampfes wurde die Website zwei Millionen Mal in einem Monat angeklickt.

Somit werden die neuen linken Medien zu Konkurrenten für etablierte wie die BBC – und die sehen sich jetzt gezwungen, darauf zu reagieren. So ist Bastanis Auftritt in der Sendung »Daily Politics« zu verstehen. Er konnte dort unter anderem über die Abschaffung des Privateigentums und den Nutzen neuer Technologien für die Schaffung einer kommunistischen Gesellschaft reden. Er klärte die Zuschauer aber auch darüber auf, was die Unterschiede zwischen der sozialdemokratischen Politik Corbynscher Prägung und kommunistischer Politik sind.

Das hat es seit den 1980er Jahren in dieser Form auf der Insel nicht gegeben. In den 1990er und 2000er Jahren gab es in der britischen Medienlandschaft nur verschiedene Facetten des liberalen und konservativen Spektrums zu sehen. Auch heute ist auf den etablierten Kanälen keine Ausgewogenheit zu erwarten. Sowohl Sarkar als auch Bastani sahen sich bei ihren Auftritten jeweils drei bürgerlichen Kontrahenten gegenüber.

Ash Sarkar macht sich da auch keine Illusionen. Mit Blick auf die Tatsache, daß sie eine dunkle Hautfarbe hat, sagte sie in einem Interview für die Website des Jugendmagazins »Dazed and Confused« am 4. Juli: »Braune Gesichter in hohen Positionen bringen einen Scheiß, wenn dadurch dieselben alten Machtstrukturen reproduziert werden. Bei Medienauftritten hat man in den Augen der Produzenten denselben Wert wie ein stepptanzender Hund.«

Unter der Oberfläche tut sich etwas in Britannien. Ein Teil der durch Corbyn politisierten jungen Menschen beginnt die Grenzen seines keynsianischen Programms zu hinterfragen. Ash Sarkar ist nur eine von vielen.

Christian Bunke, Manchester

Ash Sarkar, leitende Redakteurin bei »Novara Media«
(Foto: Novara Media)

Donnerstag 26. Juli 2018