Der Kampf geht weiter

60 Jahre nach dem Sieg der Revolution steht Kuba vor neuen Herausforderungen. Und bleibt ein Beleg dafür, daß eine andere Welt möglich ist

Am 1. Januar 1959 verkündete der einstige Rechtsanwalt Fidel Castro Ruz in der olivgrünen Uniform des Guerilleros vom Balkon des Rathauses am Céspedes-Park in Santiago de Cuba den Sieg der Kubanischen Revolution. Eine Woche später marschierte Fidel Castro – nach einem Triumphzug durch die Ost- und Zentralprovinzen des Landes – an der Spitze der Rebellenarmee in Havanna ein. Die Anhänger des gestürzten Diktators Fulgencio Batista, viele Großgrundbesitzer und Fabrikherren, flüchteten nach Miami, wo sie sich bis zum vermeintlich baldigen Ende des »Spuks« einrichten wollten.

Doch alle Versuche, durch eine Invasion, durch Terror und Destabilisierung den Systemwechsel zu erzwingen, scheiterten – trotz uneingeschränkter Unterstützung durch die USA. Der Comandante en Jefe Fidel Castro überlebte mehr als 600 Attentate und Attentatsversuche, die Revolution behauptet sich bis heute gegen die umfangreichste Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade, die je über ein Land verhängt wurde.

Auch nach 60 Jahren ist das alternative Gesellschaftsmodell Kubas ein Beleg dafür, daß eine andere Welt möglich ist. Es garantiert der Bevölkerung Bildungschancen sowie ein Niveau der Gesundheitsversorgung und sozialen Sicherheit, das in keinem anderen Land der Region erreicht wurde. Während die Nachbarstaaten von Massenarbeitslosigkeit, fehlenden Schulen und Hochschulen und mangelhafter medizinischer Versorgung geprägt sind, während dort Ungleichheit Armut, Hunger, staatliche Repression und Gewalt vorherrschen, sind die meisten dieser Probleme in Kuba überwunden. Kein Kind lebt auf der Straße oder muß auf Müllhalden nach Nahrung suchen, kein Kranker bleibt aus Mangel an Geld unversorgt, und niemand muß fürchten, das Dach über dem Kopf zu verlieren, weil die Miete nicht mehr bezahlbar ist. Die Kindersterblichkeit und die Analphabetenrate liegen in Kuba deutlich unter den Werten der USA und auch Teilen Deutschlands, während die Lebenserwartung der Bevölkerung zu den höchsten aller lateinamerikanischen Länder gehört.

Bis zur Revolution 1959 hatten die Verhältnisse in Kuba der Situation aller schwach entwickelten und kolonialen Länder geglichen. Im Jahr 1958 gab es 657.000 Arbeitslose und Kurzarbeiter, das entsprach knapp einem Drittel der erwerbsfähigen Bevölkerung. Rund 80 Prozent der bäuerlichen Behausungen waren Elendshütten, 85 Prozent der Menschen hatten keinen Zugang zu fließendem Wasser und über 44 Prozent niemals eine Schule besucht.

Nachdem der Arzt Ernesto Che Guevara im Dezember 1956 mit der von Fidel Castro geführten Guerillatruppe an der Ostküste Kubas gelandet war, traf er in den Bergen der Sierra Maestra auf Kinder, die er als »authentische Produkte von Hunger, Elend und Unterernährung« beschrieb. 90 Prozent von ihnen litten an parasitären Erkrankungen, doch für die ausgezehrte ländliche Bevölkerung gab es weder Krankenhäuser noch Mediziner. Zur materiellen Not der Menschen kam die Repression durch Polizei und Armee. Streiks der Fabrikarbeiter, Aufstände besitzloser Landarbeiter und Studentenproteste wurden gewaltsam unterdrückt. Unter der Diktatur Batistas wurden 20.000 Oppositionelle ermordet, Tausende weitere von Spezialisten der Geheimpolizei in Folterkellern mißhandelt.

Programm der Rebellen

In seiner Verteidigungsrede »Die Geschichte wird mich freisprechen« nach dem mißglückten Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago am 26. Juli 1953 hatte Fidel Castro bereits die Veränderungen angekündigt, die nach Eroberung der Macht in Angriff genommen wurden. Das erste »Regierungsprogramm« der Rebellen sah die Aufteilung der im USA-Besitz befindlichen Zucker- und Tabakplantagen, die Konfiszierung aller durch eine korrupte Regierung erworbenen Vermögen, die Verstaatlichung der mit USA-Kapital finanzierten Versorgungsbetriebe sowie die Übergabe von zunächst mindestens 30 Prozent der Industrieunternehmen an die Arbeiter vor. Zudem sollten Bildung, Gesundheitsversorgung und Teilhabe an Kultur und Sport für alle Kubaner kostenfrei zugänglich sein. Als vorrangig galten die Boden-, Bildungs-, Gesundheits- und Wohnungsreformen.

»Wenn 1868 eine Revolution mit der Befreiung der Sklaven beginnen mußte, hatte eine Revolution von 1959 die Pflicht, die Gesellschaft von jenem Monopol zu befreien, kraft dessen eine Minderheit die Menschen ausbeutete. Und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen bedeutet, das Recht auf den Besitz jener Güter zu beseitigen, die der ganzen Gesellschaft gehören und gehören müssen«, erklärte Fidel Castro am 10. Mai 1968 aus Anlaß des 100. Jahrestages des Beginns des »Zehnjährigen Krieges« um die Unabhängigkeit des Landes von der spanischen Kolonialherrschaft.

Im Mai 1959 wurde das erste Gesetz zur Agrarreform verabschiedet, einheimischer und ausländischer Großgrundbesitz aufgelöst und über 100.000 Bauern unentgeltlich Land zugeteilt. 1960 wurde das Eigentum ausländischer Monopole und später auch der nationalen Bourgeoisie verstaatlicht. Durch ein »Wohnungsreformgesetz« wurde staatlich geförderter Wohnraum schrittweise in das Eigentum der Mieter überführt. Heute sind mehr als 90 Prozent der Bürger Eigentümer ihrer vier Wände. Kuba gehört damit weltweit zu den Ländern mit dem höchsten Anteil an Wohnungseigentümern.

Parallel dazu widmete sich die Revolutionsregierung dem Aufbau des Bildungswesens. Bis August 1960 waren 10.000 Schulen eingerichtet worden. Mit einem Aufruf Fidel Castros zum »Kampf gegen den Analphabetismus« begann eine Alphabetisierungskampagne, an der sich 270.000 Freiwillige als »Lehrer« beteiligten. Ein Jahr später war das Ziel erreicht. Es gebe »keinen feierlicheren und bewegenderen Moment, keinen Augenblick mit mehr Berechtigung für Stolz und Ruhm wie diesen, in dem viereinhalb Jahrhunderte der Unwissenheit einstürzten«, sagte Fidel Castro, als Kuba am 22. Dezember 1961 als erstes Land Lateinamerikas offiziell zu einem von Analphabetismus befreiten Gebiet erklärt wurde.

Die nächste Kampagne galt der medizinischen Versorgung. Die unentgeltliche Betreuung im Krankheitsfall ist in Kuba ein Verfassungsrecht. Artikel 9 der Verfassung verpflichtet den Staat sicherzustellen, »daß es keinen Kranken gibt, der nicht medizinisch versorgt wird«. In den Artikeln 43 und 50 wird das Recht der Bürger auf kostenlose Behandlung und Vorsorge garantiert.

Als eine von der CIA ausgebildete Söldnertruppe mit einer Invasion in der Schweinebucht im April 1961 versuchte, die alten Verhältnisse wiederherzustellen, erklärte Fidel Castro die Kubanische Revolution offiziell zu einer sozialistischen. »Genossen Arbeiter und Bauern! Dies ist die sozialistische und demokratische Revolution der einfachen Menschen, mit den einfachen Menschen und für die einfachen Menschen«, rief er am 16. April 1961 bei einer Massenkundgebung in Havanna aus.

Während Kuba im kommenden Januar den 60. Jahrestag seiner Revolution begeht, sind auf dem Kontinent alle »gemäßigteren« Versuche sozialer Reformen, die keinen radikalen Bruch mit den bisherigen Eigentums- und Besitzverhältnissen vollziehen oder festigen konnten, gescheitert. Sie wurden Opfer von USA-Invasionen (Guatemala 1954, Dominikanische Republik 1965, Grenada 1983, Panama 1989), von der CIA organisierten Militärputschen (Chile 1973, Honduras 2009) oder parlamentarischen Staatsstreichen (Paraguay 2012, Brasilien 2016). Die Macht der einheimischen Eliten und der multinationalen Konzerne sowie die Abhängigkeit von Washington wurden in diesen Ländern gnadenlos restauriert. Ähnliche Versuche finden derzeit in Venezuela und Nicaragua statt, in Ecuador sind diese Bestrebungen bereits weit fortgeschritten.

Die kubanischen Revolutionäre beschränkten sich nicht auf die Umgestaltung zu Hause. Sie betrachteten die Unterstützung von Befreiungsbewegungen in den Ländern des globalen Südens als ihre internationalistische Verpflichtung. »Welches andere Land hat größeren Altruismus gezeigt als Kuba in seinen Beziehungen zu Afrika?« würdigte der südafrikanische Freiheitskämpfer und erste schwarze Präsident seines Landes, Nelson Mandela, bei seinem Besuch auf der Insel 1991 das Engagement und fügte hinzu: »Wir in Afrika sind es gewohnt, Opfer jener Länder zu sein, die unser Territorium aufteilen oder unsere Souveränität aufheben wollen. Es ist beispiellos in der afrikanischen Geschichte, daß ein anderes Volk unsere Verteidigung übernommen hat.« Ärzte, Pädagogen, Techniker und zivile Fachkräfte aus Kuba halfen den jungen afrikanischen Nationalstaaten, die sich von Kolonialismus und Apartheid befreien wollten. In Algerien, Angola, Äthiopien, Mosambik, Namibia, Südafrika und vielen anderen Ländern des Kontinents gilt Kuba bis heute als uneigennütziger Freund und verläßlicher Bündnispartner im Kampf gegen koloniale und rassistische Regime.

Trikontinentale

Als Gastgeber der Ersten Trikontinentalen Konferenz in Havanna, auf der im Januar 1966 die Solidaritätsorganisation der Völker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas (OSPAAAL) ins Leben gerufen wurde, bezeichnete es Fidel Castro als »historisches Ereignis«, daß zwei aktuelle Strömungen der Weltrevolution zusammengeführt würden: die aus der sozialistischen Oktoberrevolution in Rußland hervorgegangenen und die nationalen Befreiungsbewegungen in den Ländern der »Dritten Welt«.

Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion im April 1986 leistete der Inselstaat als eines der ersten Länder Soforthilfe für strahlengeschädigte Kinder. Kubanische Mediziner behandelten über 26.000 Opfer der Nuklearkatastrophe. 1999 wurde in Havanna die Lateinamerikanische Schule für Medizin (ELAM) eröffnet, die Studierenden aus den Ländern des globalen Südens eine kostenlose Ausbildung ermöglicht. Bis 2017 legten dort mehr als 25.000 junge Menschen aus 84 Ländern ihre Abschlußprüfung ab.

Als der Hurrikan »Katrina« im August 2005 in den USA über 1.800 Menschenleben forderte, bot Fidel Castro dem mächtigen Nachbarn sofort Hilfe an. Und der Comandante kündigte die Gründung des »Internationalen Ärztekontingents Henry Reeve« an, das auf Soforthilfe bei Katastrophen und Epidemien spezialisiert ist. »Wir werden beweisen, daß es Antworten auf viele Tragödien des Planeten gibt«, erklärte er damals. Als die westliche Staatengemeinschaft nach Ausbruch der Ebola-Epidemie in Westafrika 2014 noch ratlos diskutierte, hatte Havanna bereits 165 freiwillige Helfer des Kontingents »Henry Reeve« nach Sierra Leone, Liberia und Guinea geschickt. Insgesamt waren dort später mehr als 250 kubanische Spezialisten im Einsatz. Die Welt, einschließlich der Vereinigten Staaten von Amerika , zollte der Karibikinsel Anerkennung und Respekt. Doch kaum jemand reflektierte, warum ausgerechnet und ausschließlich Kuba zu einer derartigen Lei­stung imstande war. Wie die Tageszeitung »Granma« im Januar 2017 schrieb, waren im Kontingent »Henry Reeve« seit dessen Gründung rund 7.300 medizinische Fachkräfte in 19 Ländern tätig. Sie betreuten 3,5 Millionen Menschen und retteten 80.000 das Leben.

60 Jahre nach dem Sturz des Diktators Batista steht die Kubanische Revolution heute vor neuen Herausforderungen. Der Untergang der UdSSR und der sozialistischen Länder Osteuropas 1989/91 warf Kuba zurück und verhinderte die Fertigstellung von Industriebetrieben und anderen Einrichtungen, die mit Unterstützung dieser Staaten begonnen worden waren. Der Investitionsbedarf für die Modernisierung bestehender und den Aufbau neuer Produktionsstätten übersteigt die eigenen Finanzkapazitäten Kubas um ein Vielfaches. Als eine Reaktion darauf wurde 1993 der Besitz ausländischer Devisen legalisiert. Damit begann ein Prozeß, der sich durch die Förderung des privaten Sektors in der Wirtschaft fortsetzte. Das einst angestrebte egalitäre Modell gehört – zumindest derzeit – der Vergangenheit an, die soziale Spreizung nimmt wieder zu und verfestigt sich.

Die Rückschläge werden in Kuba nicht geleugnet und sind Teil von Debatten innerhalb der Kommunistischen Partei Kubas, der Massenorganisationen und der Gesellschaft. Und die Gründe werden offen benannt. So ist die seit 1960 von den USA gegen Kuba verhängte Blockade trotz wiederholter Verurteilung durch die UNO-Generalversammlung und internationaler Solidarität weiter in Kraft. Zu ihren Opfern gehören vor allem Kranke, Kinder, Alte und der ärmere Teil der Bevölkerung. Hinzu kommen hausgemachte Fehler und Versäumnisse, die Fidel Castro bereits 2005 als Gefahr für den Fortbestand der Revolution bezeichnet hatte. Sein Nachfolger Raúl Castro und der im April 2018 gewählte neue Präsident Miguel Díaz-Canel warnen in fast jeder Rede vor mangelhafter Arbeitsorganisation, Disziplinlosigkeit und Schattenwirtschaft, die unzureichende Produktivität und wirtschaftliche Verluste verursachten. Die direkte Folge davon seien niedrige Löhne und Renten sowie Mängel bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Konsumgütern, die zu Frust und Politikverdrossenheit führten. Dennoch dürfte Kuba derzeit das politisch stabilste Land des Kontinents sein.

Volker Hermsdorf

Unser Autor Volker Hermsdorf ist Verfasser des Buches »Die Kubanische Revolution«, das im Mai 2018 bei Papyrossa in der Reihe »Basiswissen« in einer dritten, aktualisierten und erweiterten Auflage erschienen ist.

Mit Che Guevara die Revolution verteidigen: Großdemonstration am 1. Mai auf der Plaza de la Revolución in Havanna (Foto: AP/dpa)

Mittwoch 25. Juli 2018