Terroristen unter staatlicher Aufsicht

Französische Behörden wußten von Zahlungen des Zementriesen Lafarge an den »Islamischen Staat«

Der in Frankreich wegen »Verbrechen gegen die Menschheit« angeklagte französisch-schweizerische Zementhersteller Lafarge-Holcim (die »Zeitung« berichtete) hat seine Geschäfte mit der Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS) offenbar jahrelang unter den Augen der Geheimdienste abgewickelt. Pariser Tageszeitungen berichteten in den vergangenen Tagen, daß der weltgrößte Hersteller von Baustoffen nur wenige Wochen vor den schweren Attentaten, die am 13. November 2015 in der französischen Hauptstadt 150 meist junge Menschen das Leben kosteten, mit Schmiergeldern in Millionenhöhe den Betrieb seines Zementwerks im nordsyrischen Dschalabija gesichert hatte. Den Wert der Fabrik in der Wüste, die Ende des Jahres 2014 in die Hände der Dschihadisten gefallen war, hatten Experten des Konzerns damals auf rund 25 Millionen US-Dollar geschätzt.

Die Hauptstadtmedien fragten in den vergangenen Tagen, »bis zu welchem Punkt staatliche Instanzen, insbesondere die französischen Geheimdienste, über die Verhandlungen zwischen Vermittlern des multinationalen Konzerns und der Terrorgruppe unterrichtet waren«. Ermittlungen der Pariser Justizbehörden ergaben, daß Lafarge dem »IS« direkt nach der Eroberung der Fabrik enorme Schmiergelder für die Fortsetzung seiner Geschäfte in Syrien zahlte. Der militärische Geheimdienst (Direction du Renseignement militaire, DRM) gab inzwischen Dokumente frei, die solche Geschäfte zwischen den französischen Gewährsleuten und den »IS«-Leuten »in Anwesenheit des Emirs Abu Lukman« – einer Schlüsselfigur des »Islamischen Staates« – beweisen sollen, berichtete in der vergangenen Woche die Tageszeitung »Libération«.

In einem Vermerk des Militärgeheimdienstes vom 5. Januar 2015 heißt es: »Abu Lukman, Emir des IS, ist ein guter Bekannter. Er war Emir des IS im nordsyrischen Rakka, das damals als Hauptstadt des Kalifats galt. Heute ist er angeblich Emir des IS in Aleppo; er hat in diesem Sinne die Befehlsgewalt in jener Zone, in der sich die Zementfabrik befindet – seine Verstrickung in diese Geschichte scheint glaubwürdig.« Auf Seiten des Zementgiganten habe seit September 2014 ein Kanadier mit syrischen Wurzeln, Amro Taleb, »in der ersten Reihe« verhandelt. Die Dschihadi­sten, so der Bericht des Dienstes, hätten von Anfang an die Fortsetzung der Produktion und den Verkauf des Zements favorisiert.

»Am 22. Dezember 2014 fand ein Treffen zwischen türkischen Geschäftsleuten und Repräsentanten des IS an der türkisch-syrischen Grenze statt, wo das Projekt auf den Weg gebracht werden sollte,« heißt es in dem DRM-Papier. Eine Woche später stellten die Agenten fest, daß ein Ergebnis erzielt worden war: »65.000 Tonnen Zement wurden vom IS bereits beschlagnahmt, ihr Wert ist auf rund 6,5 Millionen Dollar zu beziffern. Ein Vorrat von weiteren 50.000 Tonnen ist Gegenstand eines Vertrags (zwischen Lafarge und dem »IS«, d.R.), Wert des Materials: rund fünf Millionen US-Dollar.«

In DRM-Kreisen ist Abu Lukman offenbar auch unter seinem wirklichen Namen Ali Mussa Al-Schawak kein Unbekannter. Er sei »ein Produkt der (syrischen) Militärakademie in Homs«, berichtet »Libération«, »eine der geheimnisvollsten Figuren des IS – seine exakte Rolle im Gefüge des IS bleibt trotz einiger hundert Ermittlungsakten der Antiterrorabteilung der Pariser Justiz unklar«. Verschiedene gut plazierte Quellen des DRM hätten ihn Ende 2014 allerdings innerhalb der »IS«-Struktur »auf sehr hohem Niveau« verortet. Nur wenig später, Anfang des Jahres 2015, bestätigte ein UNO-Papier diese Einschätzung: »Lukman ist Mitglied des Regierungsrats im IS, der vom Chef der Organisation, Abu Bakr Al-Baghdadi, geführt wird.«

Journalisten des französischen Nachrichtenportals »Mediapart« wollen bereits vor Monaten herausgefunden haben, daß Lukman auch Leiter der Geheimdienste des »IS« gewesen sei. Das hätten den französischen Ermittlern mehrere französische Dschihadisten – Syrien-Rückkehrer – bestätigt. Die Pariser Ermittler gehen gegenwärtig von folgendem Zeitablauf aus: Im Oktober 2010 nahm Lafarge seine Zementfabrik in Dschalabija in Betrieb; im März 2011 begann in Syrien der Krieg zwischen Regierungstruppen und verschiedenen Gruppen sogenannter Freiheitskämpfer; im November registrierten die Geheimdienste eine erste Geldzahlung von Lafarge an die ein Jahr später unter der Bezeichnung »IS« handelnde Terrororganisation; im September 2014 eroberte der »IS« den Norden Syriens und die dort angesiedelte Zementfabrik. Im Juni 2017 eröffneten Pariser Untersuchungsrichter das Verfahren gegen den Zementgiganten, ein Jahr später erfolgte die Anklage »wegen Komplizenschaft und Verbrechen gegen die Menschheit«.

Ein makabres chronologisches Detail: Am 9. Januar 2015, zwei Tage nach dem von Islamisten verübten Attentat auf die Redaktion der Satirezeitung »Charlie Hebdo«, empfing die Lafarge-Direktion Amro Taleb, ihren Mann in Syrien, im Firmenhauptquartier im noblen 16. Bezirk von Paris. Am selben Tag schoß der Dschihadist Amedy Coulibaly in einer Filiale der koscheren Supermarktkette Hyper Cacher um sich. Bilanz der Terrorattacken nach drei Tagen: 17 Tote.

Hansgeorg Hermann

Zumindest hier verdient (vermutlich) der »IS« nicht mit: Baustoffwerk von Lafarge in Paris
(Foto: AP /dpa)

Mittwoch 25. Juli 2018