Frankreichs Paten

Im Land von Bolloré und Bouygues: Zwei französische Medienmogule steuern Luxusjachten ebenso souverän wie die Politik

Der 6. Mai 2007 war ein großer Tag für den (Ex-)Kleinadeligen Nicolas Sarközy de Nagy-Bocsa, genannt Sarkozy. Das Volk hatte gewählt und die Mehrheit ihn gewollt. Der damals 23. Präsident der glorreichen Französischen Republik lud Gäste ein. Das Luxusrestaurant »Fouquet’s« an den Champs-Élysées – einen Steinwurf entfernt von Sarkozys neuem Heim, dem Präsidentenpalast – schien dem strahlenden Sieger und seinem Gefolge der richtige Platz für eine Feier unter Freunden. Konzernherren des Landes, die den körperlich etwas kurz geratenen Mann als Garanten einer langen, profitträchtigen Kooperation sahen, gaben sich an jenem Abend die Klinke in die Hand.

Da war Vincent Bolloré. Der Bretone, Repräsentant des »Françafrique«, Synonym für die finsteren Geschäfte zwischen den alten Kolonialherren und ihren neuen Freunden auf dem ausgebeuteten Kontinent, also den afrikanischen Diktatoren im Präsidentenfrack. Ebenfalls da war auch Martin Bouygues. Er gilt als Sarkozys intimster Spezi, ein Mann, der sich um Bauwesen, Immobilien, Energie, Transporte und Telekommunikation kümmert.

Medienmogul Bolloré führt die Gruppe »TF 1« ebenso wie die einflußreichen Nachrichten- und Unterhaltungsprogramme bei LCI, TMC, NT1, Histoire, HD1, TV Breizh und Ushuaïa, den Ökologenkanal des gegenwärtigen Umweltministers Nicolas Hulot. Als Chef der Havas-Telekommunikationsgruppe ist er an fast allen privaten und öffentlichen Fernseh- und Radiostationen beteiligt oder regiert sie allein.

Sein Bezahlkanal »Canal plus«, Flaggschiff der Bolloré-Medias-Gruppe und des französischen Privatfernsehens insgesamt, bietet Spielfilme, Sport, Unterhaltung – und mundgerecht zubereitete Politik. Die Gruppe Bolloré-Telecom sichert diesem Hai im Meer des Medienbetriebs über Regionalsender zudem direkten politischen und wirtschaftlichen Einfluß in allen Departements des Landes, von den Pyrenäen bis hinauf in die verarmten Industrielandschaften der Lorraine.

Bolloré-Medias ist einer der wichtigsten Verteiler kostenloser Anzeigenblätter. Die an den U-Bahn-Stationen in Paris wie an allen wichtigen Punkten der französischen Großstädte verteilten bunten Blätter erreichen ein riesiges Publikum. »Direct Matin«, ein Tabloid oder auch Boulevardblatt, das in Zusammenarbeit mit der Tageszeitung »Le Monde« auf den Markt kam, erreichte bisweilen Auflagen von mehr als einer Million Exemplare. In dieser direkt von Bolloré gesteuerten Flut seichter Artikel zu Politik, Klatsch und Sport schwemmt er den Franzosen auch Thema-Publikationen wie »Direct Sport« oder »Direct Femme« gratis ins Haus.

Direkt war auch immer der Kontakt des harschen Oligarchen zur Politik. In den Tagen, die dem rauschhaften Abend im Fouquet’s folgten, machte der neue Präsident Ferien. An Bord der 65-Meter-Jacht »Paloma« des »guten Freundes« Bolloré rauschte der Staatschef in Badehose und verspiegelter Pilotenbrille durch die azurblauen Wogen an Frankreichs Mittelmeerküste. »Es war an jenem Abend im Fouquet’s«, verriet »L’Humanité« Wochen später, daß der »Milliardär dem Präsidenten eine kleine Eskapade nach Malta anbot, im privaten Falcon« und natürlich gratis. »Sarkozy, Fouquet’s, Privatjet, Jacht – der mit 53 Prozent vom Volk und zu 100 Prozent von der Medef (Unternehmerverband, d.Red.) Gewählte hat seine Meister gefunden«, ergänzten Blogger der »Selection 41«.

Das gilt auch für den aktuellen Hausherrn im Élysée. Im Präsidentschaftswahlkampf 2016 suchte Emmanuel Macron die Unterstützung jener Mächtigen, die sein Vorvorgänger Sarkozy schon vor seiner Kandidatur für das höchste Amt gefunden hatte: Zur Großkundgebung in der Pariser »Mutualité«-Halle kamen damals wie selbstverständlich Yannick Bolloré, Sproß des inzwischen wegen Korruption angeklagten Patriarchen Vincent Bolloré, und Renaud Dutreil, Direktor des Luxusartikelkonzerns LVMH und rechte Hand des milliardenschweren Besitzers Bernard Arnault. Ein schönes Zusammentreffen von Menschen, spottete das Pariser Nachrichtenportal »Mediapart«, in deren Leben Taschen von Louis-Vuitton und Champagner von Moët eine wichtige Rolle spielten. »Man wußte es schon länger«, analysierte »Mediapart«, »daß das Unternehmertum die Gründung der Partei ›En marche!‹ und die Installierung ihres Chefs Emmanuel Macron wärmstens unterstützte.«

Anfang 2017, vier Monate vor der Präsidentschaftswahl, ließ auch der eher stille Martin Bouygues seinen besten Mann beim Kandidaten antreten: »Macron wird seine Wahlkampfmannschaft durch seinen alten Professor verstärken«, frohlockte am 31. Januar die Wirtschaftszeitung »La Tribune«. Gemeint war Didier Casas, ehemaliger Studiendirektor der Pariser Uni-Fakultät Science-Po, danach stellvertretender Generaldirektor in Bouygues Telecom. Es kam zusammen, was zusammengehört, freuten sich unisono die Fernsehstationen der beiden Medienmonopolisten: Der Professor und sein gelehriger Schüler Macron, oder übersetzt, die unternehmerische Planung der Häuser Bolloré-Bouygues und ihre politische Exekutive.

Hansgeorg Hermann, Paris

Vincent Bolloré am 17. April 2015 auf einer Aktionärsversammlung von Vivendi in Paris (Foto EPA-EFE)

Freitag 20. Juli 2018