Der Afghanistankrieg und die Grenze zu Pakistan

Jetzt, da die USA den Endsieg im Irak errungen zu haben scheinen, können sie sich ganz dem Krieg in Afghanistan widmen. Hierzu ver­langen sie, daß das Chri­stenheer der NATO durch wei­tere Truppen aus Europa verstärkt wird, damit auch hier »freedom & democracy« und alle anderen westlichen Werte dominieren.

In diesem Zusammenhang spielt der Verlauf der Grenze zu Pakistan eine große Rolle, mit der das Siedlungsgebiet der Pasch­tunen, des größten Stam­mes in Afghanistan, welcher die Hauptkraft der Taliban darstellt, durchschnitten wird.

Der heute pakistanische Teil des Siedlungsgebietes dient als Rückzugsgebiet der Taliban und wird deshalb immer mehr von den USA in das Kampfgeschehen mit einbezogen, so wie ehedem Kambodscha und Laos während des Vietnamkrieges.

Der heutige Grenzverlauf zwischen Afghanistan und Pakistan stammt aus dem Jahr 1895 und stellt die westliche Grenze der britischen Kolonie Indien dar. Sie war das Resultat eines Abkommens zwischen der britischen Krone und dem russischen Zarenreich, in welchem die Einflußbereiche der beiden imperialen Mächte abgesteckt worden waren. Die nebenstehende Karte stellt die polittisch-militärische Lage dar, so wie sie in diesem wichtigen Teil Zentralasiens um die Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte.

Das zaristische Rußland hatte sich große Teile der Überreste des mongolischen Reiches einverleibt und war bis zum 45. Breitengrad nach Süden vorgestoßen. Übrig blieben nur die Khanate von Buchara, Chiwa und Kokand, die aber schon teilweise die Oberhoheit Rußlands anerkannt hatten.

Notgedrungen stießen die Interessen des zaristischen Rußland und des britischen Kolonialreiches aufeinander.

Während Rußland die drei Khanate nach und nach stärker an sich band, ver­suchte Großbritannien zwei­mal vergeblich – 1842 und 1878 –, sich Afghanistan einzuverleiben. Es reichte nur im Kompromiß von 1895 mit dem Zaren, die Westgrenze der damaligen britischen Kolonie Indien (heute Pakistan) nach Westen quer durch das Land der Paschtunen zu verschieben (schraffierter Bereich der Karte).

Da dieser Vertrag eine Gültigkeit von 99 Jahren hatte, er also 1994 auslief und keine weitere Bestimmung ihm folgte, hat die sogenannte Durand-Linie heute keine anerkannte Gültigkeit mehr. Übrigens haben damals weder der afghanische König noch heute der Statthalter der USA, Herr Karsai, diese Grenzziehung jemals anerkannt.

In Zukunft soll, wenn es nach den Vorstellungen des Herrn Obama geht, das Christenheer der NATO in Afghanistan wesentlich verstärkt werden. Dies wird größere Lieferungen von Nachschub nötig machen. Die meisten müssen, wie das gegenwärtig der Fall ist, von Pakistan her durch Paschtunengebiet erfolgen und sind heute schon immer stärkeren Angriffen ausgesetzt.

In dieser mißlichen Lage kommt das kapitalistische Rußland zu Hilfe und schlägt einen anderen Nachschubweg vor, von Norden her durch die früheren Khanate und Ex-Sowjetrepubliken Turk­menistan, Usbekistan und Tad­schikistan. Diese Nachschub­linie hätte den Vorteil, daß sie vor der Grenze und in Afghanistan selbst nicht durch Paschtunengebiet geführt werden müßte. Allerdings hinge sie vom Gutdünken Moskaus ab. Man wäre in der Lage von zwei Gegnern, die sich gegenseitig an der Gurgel halten. Wenn NATO-Intrigen die Ukraine dazu bringen würden, den Gasdurchfluß wieder einmal zu unterbinden, könnte auch der Nachschub für Afghanistan durch Zentralasien eingestellt werden. Wenn man jetzt das zaristische Rußland durch das heutige kapitalistische ersetzt, und das britische Kolonialreich durch die NATO, sind wir geopolitisch im zentralasiatischen Raum in einer Lage wie vor 150 Jahren, nur daß heute zwei wesentliche Akteure hinzugekommen sind: China und Indien. In der Frage der Grenzziehung zu Pakistan hat Indien schon 1950 eindeutig die Haltung von Afghanistan unterstützt, andere Großmächte haben hierzu bis jetzt noch keine Stellung bezogen.

Aloyse Bisdorff

Sonnabend 14. Februar 2009