Blindheit oder Blödigkeit

Seit Freitag wird von den USA auf 818 Waren aus China im Wert von 34 Milliarden Dollar ein Zusatzzoll in Höhe von 25 Prozent erhoben. Die chinesische Regierung hat angekündigt, noch am gleichen Tag auf Importe aus den USA im selben Wert Zoll zu erheben. Der Handelskrieg beginnt. Die Eskalation ist vorgezeichnet. USA-Präsident Donald Trump will am Schluß auf Waren mit 400 Milliarden Dollar Einfuhrwert und mehr aus China Zusatzzoll erheben. Da wundern sich manche tatsächlich, daß die chinesische Währung Yuan schwächer wird. Im Juni sei sie um vier Prozent und damit stärker gefallen als seit mehreren Jahren, berichten die Gazetten.
Bei Bloomberg, in der »Financial Times« und in der deutschen »FAZ« wird eine Gegenstrategie gegen Trumps Attacken vermutet. Ein schwächerer Yuan könne schließlich chinesische Importe in die USA so billig machen, daß sie trotz Importzoll noch wettbewerbsfähig seien. Zugleich würden USA-Waren in China noch teurer. Diese Folterwerkzeuge wollten die Chinesen nur einmal vorzeigen. Denn Chinas Regierung kontrolliere schließlich die Wechselkurse.

Nichts dergleichen, ließ die »Volksbank«, die chinesische Zentralbank, verlauten. Sie sei im Gegenteil fest entschlossen, den Kurs des Yuan stabil zu halten. Das klingt glaubhaft. Denn schließlich funktioniert der kapitalistische Finanzmarkt so. Wenn China Absatzprobleme mit seinem größten Markt, den USA bekommt, kann das für chinesische Konzerne und die chinesische Volkswirtschaft nicht vorteilhaft sein – also ein rationaler Grund dafür, daß die Börsenkurse in China fallen und der Yuan am Devisenmarkt nachgibt. Und in der Tat, warum sollte sich die Volksbank diesem Markttrend entgegenstellen, wo er doch – in diesem Fall – eine Anpassung an die verschlechterte Lage darstellt? Ein Grund wäre das Bemühen, die latente Kapitalflucht aus China zu bremsen. Sie könnte dann größere Ausmaße annehmen, wenn sich die Situation weiter verschlechtert und unter den Vermögenden der Eindruck entsteht, der Yuan-Renminbi werde auf Dauer an Wert verlieren.

Soweit ist es noch lange nicht. Denn der chinesischen Staatsspitze ist schon bei Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2008 klargeworden, daß das bisherige Geschäftsmodell, nämlich exportgetriebenes Wachstum, angepaßt werden muß, weil die USA nicht mehr hemmungslos importieren (können). Seit damals hat sie den Absatz im eigenen Land stärker gefördert, sowohl was die Investitionen als auch was den Konsum der breiten Massen betrifft. In diesem Punkt (und nicht nur in diesem) sind die Regierenden in China denen in Deutschland weit voraus. Letztere betreiben immer noch, als sei nichts geschehen, die Förderung des Exports und rigorose Sparsamkeit bei Investitionen und Inlandskonsum.

Wenn im Zuge des Handelskrieges der Weltmarkt schrumpft, wird Deutschland weit empfindlicher getroffen werden als China. Dennoch hat die EU (natürlich mit Zustimmung Deutschlands) den Vorschlag Chinas abgelehnt, eine gemeinsame Strategie gegen die Zumutungen aus den USA zu entwickeln.

Blindheit oder Blödigkeit, das ist die Frage.

Lucas Zeise

Chinesische Waren im Hafen von Qingdao (Foto: EPA)

Montag 9. Juli 2018