Aus der Hölle befreit

Syrien: Ehemalige Geiseln von Islamisten berichten über ihre Entführung und Gefangenschaft

Das Heimatdorf von Zuhair Ali und seiner Familie liegt im Küstengebirge von Tartus. In steilen Kurven windet sich die Straße bis auf 800 Meter hinauf. Die Fahrt geht durch Scheikh Badr, den Geburtsort von Scheich Saleh Al-Ali, der 1919 den ersten Aufstand gegen die französische Mandatsmacht anführte. Früher wohnte Ali mit seiner Familie in Adra, einem Vorort im Osten von Damaskus. Er war Direktor der staatlichen Gesellschaft für Spinnerei und Weben in Syrien. Sein Frau Nodschud Harfouch unterrichtete Englisch am örtlichen Gymnasium.

Es war am 11. Dezember 2012, als die Familie morgens in ihrer Wohnung überfallen wurde. Maskierte und schwerbewaffnete Unbekannte schlugen Ali und stießen ihn auf die Straße, wo ihm und anderen Männern die Augen verbunden wurden. In einem Bus wurden die Gefangenen in das benachbarte Duma verschleppt. An dem Morgen habe es ein großes Massaker in Adra gegeben, sagt Ali. Er habe Dutzende Leichen auf der Straße gesehen.

Wenige Tage später wurden auch seine Frau, seine Tochter aus erster Ehe, Marjam, und der kleine Mahmud entführt. Sie habe mit den Kindern und Nachbarn im Keller ausgeharrt, weil die Kämpfer die Kontrolle über Adra übernommen hatten und gekämpft wurde, erzählt Harfouch. Die Stirn der 50jährigen legt sich in Falten, als sie sich an die schreckliche Zeit erinnert. Sie hätten nicht gewußt, wer die Entführer waren und wohin sie gebracht wurden. In den folgenden Monaten wurden sie von einem Ort zum anderen transportiert: »In Kleinbussen mit verdunkelten Scheiben, die Augen hat man uns verbunden.«

Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Adra hatten damals mit den Kämpfern sympathisiert und ihnen die Register der staatlichen Angestellten übergeben, die dann im Dezember 2012 gezielt getötet und entführt wurden. Nodschud Harfouch und die beiden Kinder wurden von Failak Al-Rahman im Dezember 2016 freigelassen. Zuhair Ali kam im Dezember 2018 aus der Gewalt der »Armee des Islam« frei.

Es fällt der Familie nicht leicht zu berichten, wie sie die Zeit der Geiselhaft überstanden hat. Mal erzählt der Vater, mal die Mutter, mal reden beide gleichzeitig. Und auch der Sohn Samer, der aus der ersten Ehe von Ali mit einer Russin stammt und zum Zeitpunkt der Entführung in Rußland arbeitete, ergänzt, korrigiert, berichtet. Der heute neunjährige Mahmud schweigt, die Schwester Marjam lebt bei Verwandten in Damaskus und studiert.

Mutter und Kinder wurden mit anderen Frauen und Kindern von weiblichen Kämpferinnen bewacht. Selbst der Gang zur Toilette wurde für die Geiseln zur Tortur. Einmal wollte Mahmud zur Toilette, er war erst dreieinhalb Jahre alt. Die Wärterin fragte den Kleinen: »Magst du Baschar Al-Assad?« »Ja, ich mag ihn«, sagte der, woraufhin ihm der Weg zur Toilette untersagt wurde. »Laß den Jungen doch sein Geschäft in seine Kleidung machen«, wurde die Mutter angefahren. Sie bat und bat, bis man ihr schließlich doch erlaubte, mit dem Kind zur Toilette zu gehen.

»Sie haben uns wie Tiere behandelt«, sagt Ali. »Wir haben Tunnel ausgehoben, Minen gelegt, die getöteten Kämpfer von der Frontlinie abtransportiert.« Viele seien getötet worden oder aus Erschöpfung gestorben.

Die Fotos, die nach seiner Freilassung nach fünf Jahren Gefangenschaft entstanden sind, zeigen einen alten, abgemagerten, grauhaarigen Mann, dem viele Zähne fehlen. Er trägt eine Wollmütze, seine Hände gestikulieren in die Kameras der Reporter, die über seine Freilassung berichten. »Ich wurde in einem Auto ins Krankenhaus gebracht, meine Beine waren völlig geschwächt, und ich konnte nicht laufen.« Erst einen Monat später kam Zuhair Ali wieder nach Hause, in sein Dorf im Tartus-Gebirge.

Karin Leukefeld, Damaskus

Ein Foto von Noujoud Harfouch mit ihrem Sohn Mahmud und Marjam sowie Zuhair Ali (5.6.2018) (Foto: Karin Leukefeld)

Montag 11. Juni 2018