Statec-Konjunkturnote:

Viel Optimismus, wenig Risiko

Die interessanteste Meldung von gestern Vormittag war wohl die, daß die aktuell in den USA beschlossenen protektionistischen Maßnahmen mit Importzöllen verbunden mit den neuen Iran-Sanktionen laut allen internationalen Institutionen nur wenig Einfluß auf die Weltwirtschaft haben werden. Der Welthandel brummt und legt seit Jahresmitte 2017 fleißig zu. Dies ging im ersten Trimester 2018 auch so weiter. Gefährlich könnte das Theater nur werden, wenn die Auto-Industrie betroffen würde.

Für fast gefährlicher wird die steigende Staatsverschuldung in den USA angesehen als Folge der Steuergeschenke ans Großkapital, was mit steigenden Zinsen zu einem höheren Dollar-Kurs führt, was wiederum eine Gefahr für jene Länder darstellt, die stark in Dollar verschuldet sind. Wenn aktuell vom Statec das Wirtschaftswachstum von Luxemburg im Jahre 2017 nur noch auf 2,3% geschätzt wird – also auf demselben Niveau wie die Eurozone, während bislang fast das Doppelte üblich war –, so sollte dem besser nicht zu viel Bedeutung beigemessen werden. Denn es wird betont, es handle sich um eine Schätzung auf Basis von unvollständigen Zahlen, die sicher später korrigiert werden müsse. Aber die aktuell vorliegenden Zahlen lassen keine andere Schätzung zu. Dabei drücke der Bankensektor das Wachstum, denn die anderen Wirtschaftszweige wuchsen 2017 stärker als 2016.

Für 2018 und 2019 wird aber mit +4% gerechnet in Luxemburg, während die EU-Kommission für die Eurozone 2018 +2,3 und 2019 +2% erwartet, womit dann wieder Normalität hergestellt wäre. Das Wachstum wird aus der Realwirtschaft stammen, denn beim Finanzsektor werden nur 1 und 3% mehr erwartet nach -3,2% 2017.

Hoch bei Staatsfinanzen

Fix ist, daß bereits 2017 kein schlechtes Jahr für die Staatsfinanzen war, und das trotz der kleinen Steuerreform. Stiegen die Einnahmen aus den direkten Steuern auf die Haushalte 2017 nur um 2,4% gegenüber +7% im Jahresdurchschnitt der fünf Jahren davor, so wird dieser Wert ab 2018 wieder erreicht. Jahr für Jahr wirken sich die zwei zusätzlichen Prozent Mehrwertsteuer aus dem Jahre 2015 satt aus und der Ausfall aus dem elektronischen Handel ist längst kompensiert. Jahr um Jahr legen die Einnahmen bei der Mehrwertsteuer seither um 10% zu.

Bei den Betrieben kam es 2017 zu +21%, weil vor allem Rückstände von 300 Mio. eingetrieben wurden. Die Abonnementstaxe brachte 2017 7,5% mehr als 2016 ein, wobei die Kurseinbrüche von Februar/März 2018, wenn sie nicht kompensiert werden, den Zuwachs 2018 auf 5% verringern werden.

Indextranche doch im 3. Trimester

Die Inflation liegt in Luxemburg recht niedrig, sogar unter der Eurozone. Jubelschreie waren deswegen leider keine von den Patronatsorganisationen zu hören, obwohl ihr Heulen und Wehklagen nie zu überhören ist, wenn’s umgekehrt ist. Gebremst haben zuletzt höhere Rückzahlungen der Gesundheitskasse und im November 2017 die Verbilligung der Kinderkrippen um 17%. Die Erdölpreiserhöhungen werden zur Zeit fast ganz kompensiert durch Verbilligungen bei anderen Preisen.

Da das dritte Trimester aus den Monaten Juli, August und September besteht, ist wohl für den Erfall der Indextranche am 1.9. zu rechnen, auch wenn sich Statec-Chef Allegrezza da gestern höchste Zurückhaltung auferlegte. Fix ist halt nichts, bis es wirklich so weit ist. Die Regierung braucht aber unbedingt noch vor den Wahlen eine Indextranche, da viele das immer noch völlig falsch für eine Lohnerhöhung halten, obwohl es nur ein teilweiser Kaufkraft-Ausgleich für zuvor stattgefundene Teuerung ist.

Daher ist auch ein Jubel über 2.8% höhere Löhne 2017 fehl am Platz, gehen doch da auch 2,5% aufs Konto einer Index-Tranche. Zudem erfiel im öffentlichen Dienst am 1.4.2017 eine einmalige Prämie und am 1.10. trat der Kollektivvertrag um Sozial- und Gesundheitssektor in Kraft. Die weiteren Lohnerhöhungen später im Jahr stammen aus dem Finanzsektor und dem Sektor der Dienstleistungen für Betriebe. Eine Branche mit steigenden Löhnen ist auch jene der Informations- und Kommunikationstechnologien, in der im Jahresdurchschnitt mehr als doppelt so viel rekrutiert wurde wie die 3% Arbeitsplatzzuwachs insgesamt.

Für 2018 werden nun +1,9% und für 2019 +2,7% bei den Löhnen erwartet, wobei aber auch da der Löwenanteil aus der Indextranche im dritten Trimester stammt. Es kommt also trotz niedriger Inflation nicht zu einem spürbaren Kaufkraftzuwachs.

Die liebe Produktivität

Das Patronat klagt bekanntlich seit längerem, es gäbe kein Produktivitätswachstum in Luxemburg. Das ist stark übertrieben und übersieht zudem beharrlich, daß die Stundenproduktivität außerhalb der Sektoren Finanzen, Immobilien und öffentlicher Dienst (wo der Begriff willkürlich ist) bei 50.000 € liegt, in der Eurozone aber nur bei 35.000 €. Gesamt heißen die Zahlen 67.000 zu 38.000.

Von 1995 bis 2016 stieg die Stundenproduktivität in Luxemburg um 7,3% (0,3% jährlich), in der Eurozone aber um 25%. Jedoch ist der Zuwachs bei rund 15% ohne Finanzen, Immobilien und öffentlicher Dienst.

Zudem ist festzuhalten, daß die Produktivität im Bereich Stahl und metallische Produkte von 2000 bis 2016 um 50% sank, während sie in den anderen europäischen Ländern um 30% zulegte. Ähnliches auf niedrigerem Niveau gibt es bei der Lebensmittelindustrie zu vermelden (starkes Minus in Luxemburg, starkes Plus sonst). Auch im Handel sank die Produktivität, während sie sonst anstieg. Das relativiert alles das Patronats-Lamento!

jmj

Dienstag 5. Juni 2018